Dr. U. J. H. Becker: Der heilige Ansverus (1841)


 

     
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Ansveruskreuz
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Der heilige Ansverus
Abt des Klosters Ratzeburg.

Mit einer Vorrede von
Dr. U. J. H. Becker.

Schönberg:
Druck von L. Bicker.

1841.
 

Unser RATZEBURG ist wegen vieler Dinge, die es auszeichnen, weit und breit belobt und berühmt; aber daß es ohne Anmaßung sich den Namen einer HEILIGEN Stadt zueignen dürfe, ist nur einzelnen Literaten, wenigstens nicht dem größern Publieum bekannt. Ratzeburg hat nämlich nicht mehr und nicht weniger als vier von der christlichen Kirche des Mittelalters anerkannte HEILIGE gehabt, und hat sogar noch an einen fünften Anspruch; eine so bedeutende Zahl, wie wenige und selbst größere Städte in Deutschland nicht aufzuweisen haben. Darum schien es der Mühe werth, bei den Bewohnern Ratzeburg's in größerem Kreise, und bei den dasselbe besuchenden Fremden, diesen Ruhm wieder aufzufrischen und wenn

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auch nicht den alten Heiligenschein zu erneuern, so doch im schwachen Dämmerlichte aus entfernter Vergangenheit denselben zu zeigen.

Ratzeburg's Heilige aber sind: 1) der HEIL. ANSVERUS, Abt des Klosters Ratzeburg und Märtyrer des christlichen Glaubens, gest. den 15. July 1066. - 2) Der HEIL. EVERMODUS, erster Bischof von Ratzeburg, gest. den 17. Febr. 1178. - 3) Der HEIL. ISFRIDUS, zweiter Bischof von Ratzeburg, gest. den 15. Juny 1204. - 4) Der HEIL. LUDOLFUS, achter Bischof v. R., gest. den 29. März 1250. - Der fünfte Heilige, an den wir Anspruch machen könnten, wäre der HEIL. ARISTO, der Zeitgenosse des Ansverus, der zum Bischof von Ratzeburg designirt worden war vom Erzbischof Adalbert von Hamburg, ohne daß jedoch damals die Gründung des Bisthums und die Einsetzung des Aristo zu Stande gebracht werden konnte. - Wenn wir nun jetzt die Sterbetage dieser Heiligen auch nicht mehr feiern, wie es bis auf die Zeit der Reformation geschah, so sollten wir doch das Andenken dieser Männer, die nach der Ansicht der Zeitgenossen und Nachkommen große Verdienste um Kirche und Staat sich erworben und so-

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gar durch den Ruf von Wunderthaten geglänzt hatten, nicht ganz untergehen lassen. Die Thaten und Leiden Evermod's, Isfried's und Ludolfs, so wichtig sie auch an und für sich sind, interessiren doch nur weniger das größere Publieum, und ich verweise in Betreff ihrer auf Masch's treffliche GESCHICHTE DES BISTHUM'S RATZEBURG (Lübeck 1835), aus welcher in den Anmerkungen einige Züge über ihr Leben entlehnt werden sollen. 1) In Betreff des heil. ANSVERUS aber schien es nothwendig, die ganze LEGENDE von seinem Leben, Leiden und Tod vollständig, so wie dieselbe uns aus dem Mittelalter überliefert worden ist, hier zu erzählen, weil theils die Zeit, in der Ansverus lebte, ein vielseitiges Interesse gewährt, theils eine aus alter Zeit noch herstammende Tafel, welche in der hiesigen Domkirche sich befindet, in zwölf getrennten Bildern diese Legende darstellt, theils auch noch ein steinernes, an dem Fußwege zwischen Ratzeburg und dem Dorfe Buchholz aufgerichtetes Kreuz an die Stelle erinnert, wo der heil. Ansverus seinen Märtyrertod erlitten hat. Darum habe ich es veranlaßt, daß einer der Zöglinge unserer Domschule eine einfache, ungeschminkte und aus den Quellen

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selbst geschöpfte Erzählung des Lebens des heil. Ansverus zusammengestellt hat und ich übergebe dieselbe hiermit den Bewohnern unserer Insel und Umgegend und den uns besuchenden Fremden mit der Bitte, diese Bogen freundlich aufnehmen zu wollen, und als das zu betrachten, was sie gelten sollen, nämlich als eine anspruchslose Gabe, die denen dargebracht wird, die sich für das interessiren, was uns Ehre macht.

  Ratzeburg, im Februar 1841.  
    Dr. Becker.


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Des Ansverus Herkunft und Jugend 2)

ANSVERUS 3) wurde um die Mitte des elften Jahrhunderts nach Christo, etwa um 1040, geboren 4) und als seine Vaterstadt wird uns HEIDEBO, das heutige Schleswig angegeben 5). Sein Vater war OSWALDUS, einer der Angesehensten des Landes, dessen bedeutende Güter zwischen der Stadt Heidebo und Holstein lagen, und von dem ausdrücklich gerühmt wird, daß er als ein tapferer Ritter über viele Soldaten und waffentragende, also freie, Leute gebot 6). Der Name seiner Mutter aber war AGNES, welche ebenfalls aus einem guten und adelichen Geschlechte 7) entsprossen war. Sie führte ein so heiliges Leben, daß sie als Muster eines züchtigen, an guten Werken reichen Lebens vielen Zeitgenossen vorleuchtete. Und man kann wohl annehmen, daß dieses fromme und reine Beispiel der Mutter auf den jungen Ansverus einen nicht unbedeutenden Einfluß ausgeübt hat, wie denn auch von der Legende hinzugesetzt wird, daß die Kinder den Spuren und den Ansichten der Eltern zu folgen pflegten, und daß ein weiser Sohn die Freude

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seiner Mutter sey. Und wie er denn von Natur einen sehr sanftmüthigen Character hatte, so verlebte er auch seine Kindheit in Reinheit und Unschuld und gelangte durch ein nüchternes und strenges Leben schon früh zu einem hohen Grade von Vollkommenheit. So wie sich aber auch überhaupt die Kirche darin gefiel, ihre Heiligen mit vom Herrn geliebten und frommen Mannern aus der heiligen Schrift zu vergleichen, so wurde auch von ihm gesagt, daß er an Vollkommenheit dem heiligen Hiob zu vergleichen wäre, von dem geschrieben stehe, DASZ ER EIN MANN WAR SCHLECHT UND RECHT, UND GOTT FÜRCHTETE UND DIE SÜNDE FLOH.

Ansverus hatte aber einen leiblichen Bruder, welcher älter war, als er. Dieser war schon in der ersten Jugend des Ansverus aus dem väterlichen Hause weggegangen und in andere Lande fern von der Heimath gezogen, wie es heißt, um zeitlich Gut sich zu erwerben, und Ruhm zu gewinnen unter seinen Zeitgenossen. Weil dieser aber schon viele Jahre fern war und nichts wieder von sich hatte hören lassen, so sahen die Eltern sich gezwungen, den jüngern Sohn, Ansverus, zum Erben der großen Besitzungen seiner Vorfahren einzusetzen. Doch sein Sinn war nicht darauf gerichtet, sich weltliche Ehre und irdischen Ruhm als Ritter und Kriegsheld zn erringen, sondern Weisheit wollte er erlernen, und darum konnte ihn weder das Leben auf den väterlichen Besitzungen, noch der Umgang, den er dort genießen konnte, auf irgend eine Weise befriedigen. Er war 15 Jahr alt, als seine Eltern ihn zum Erben bestimmten. Nach Einigen nun wandte er sich an den Bischof RUDOLF VON SCHLESWIG 8) mit der Bitte um Belehrung und Rath, wie er dem Entschlüsse der Eltern entgehen und sein Verlangen,

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Weisheit zu erlangen und eine wissenschaftliche Ausbildung zu empfangen, befriedigen könnte. Dieser rieth ihm nun, sich nach dem Kloster St. Jürgen vor Ratzeburg zu begeben, welches im Jahre 1050 (51) von dem frommen Slavenfürsten Gottschalk, zu Ehren des heil. Georg 9) gestiftet worden war, und in welchem Mönche nach der Regel des heil. Benedictus wohnten. Andere jedoch erzählen diese Begebenheit in der Art, daß er ohne den Dank seiner Eltern, wie die Legende sagt, sich geweigert habe, ein Ritter und Krieger zu werden und sich unter dem Vorwande zu seinem Oheim, welcher in einem andern Lande wohnte, zn reiten, aus dem väterlichen Hause entfernt habe. Nachdem er dasselbe verlassen, leitete ihn ein guter Geist auf den Weg zu dem Kloster vor Ratzebnrg. Unterwegs sah er Nachts einen Traum, welcher ihm verkündete, daß er an dem Orte, wohin er wandere, das Amt des obersten Vorstehers erlangen und bis an seinen Tod Gott dienen würde. Als er von seinem Schlafe erwacht war, überlegte er die Bedeutung dieses Traumes hin und her, und mit freudigem Mnthe beschloß er, allen jugendlichen Muthwillen und alle Begierde nach weltlichen Dingen zn unterdrücken und durch ein heiliges und gottgefälliges Leben nach dem ewigen Leben zu trachten. Und indem er noch der Welt Herrlichkeit erwog, daß sie doch nichts Beständiges in sich habe, sondern daß Alles vergänglich sey auf dieser Welt, eilte er mit großer Begier zu dem genannten Kloster und redete den Abt desselben mit "schönen und süßen" Worten an, wie sie ihm Gott in's Herz gegeben hatte, und bat ihn, daß er ihn aufnehmen möchte zu einem geistlichen Bruder in sein Kloster. Und diese Bitte wurde ihm auch sofort bewilligt. -

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Ansverus als Mönch im Kloster Ratzeburg.

So ward Ansverus Mönch nach der Regel des heiligen Benedictus und wurde eingeweiht in alle Gebräuche und Lehren, welche ihm den Weg zum ewigen Leben zeigen sollten. Und nicht nur auf die Erlernung der Wissenschaften, durch welche die Benedictinermönche im Mittelalter berühmt waren, verwandte er große Mühe, sondern zunächst darauf, daß er Dem gefiele, welcher alles Menschliche und Göttliche leitet, und welcher nicht nur menschliche, sondern auch göttliche Wissenschaft denen verleiht, so ihn fromm darnm bitten 10). So kam es, daß er bald alle seine Klosterbrüder an Kenntnissen und an Einsicht übertraf. Von dem Abte des Klosters aber wurde er nun einem alteren Mönche anvertraut und anempfohlen, welcher ihn unterrichten sollte in den Vorschriften und Regeln der Benedictinermönche und ihn belehren, wie er alle Ausschweifungen fliehen und sich dem Willen der Brüder fügen müsse, indem er die Älteren derselben achtete und verehrte und dem Beispiele der Jüngern folgte. Dabei war er so emsig und so willig, daß die Mönche selbst ihn bald bewunderten, und war so demüthig und folgsam, daß manche seiner Brüder in ihrem hochfahrenden Sinne ihn für einen Thoren hielten. Er jedoch dankte dafür Gott, hatte sie Alle lieb und bewies sich ihnen immer freundlich. Die Besseren unter seinen Brüdern fesselte er bald durch sein liebliches und freundliches Gesicht, welches besonders in der Legende gerühmt wird, und gewann sie für sich durch die Reinheit und die Unschuld seiner Seele, so wie durch seinen Eifer,

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den er bei der Erlernung der Wissenschaften bewies. Auch wenn er ungerechter Weise einer Übertretung des Gesetzes beschuldigt wurde, so entflammte ihn nicht Unwille und Zorn, sondern eine Schaamröthe übergoß sein Angesicht und verrieth die tiefe Demuth seiner Seele. In der Verehrung und der Furcht Gottes hielt er sich so fest an seines Lehrers Ermahnungen, daß dieser auch meinte, er wäre nicht recht bei Sinnen, weil er Alles mit demüthigen Herzen ertrug, obgleich er auch schon Mönch war.

Er hatte sich auch außerhalb des Klosters, doch nicht fern von demselben, einen Ort anserwählt, an welchem er sich öfters der Selbstbetrachtung hingab, damit er sein Herz desto inniger und in aufrichtigem Gebete Gott weihen könnte. Auch wird erzählt, daß er dort seinen Körper gegeißelt und mit seinen Thränen gewaschen habe, so daß er oft die Zeit der Morgen- und Abendmahlzeit versäumte, weßhalb er auch von seinen Brüdern bei seinem Lehrer verklagt wurde. Dieser aber ließ alle seine Handlungen und Werke beobachten und verhörte ihn selbst; doch konnte Ansverus unter Gottes Beistande, dem er sich ganz geweiht hatte, keiner Übertretung überführt werden, wie denn auch in der heiligen Schrift geschrieben sieht: Wer hat auf Gott gehofft und ist von ihm verlassen worden?

Unter seinen Klosterbrüdern aber war Einer, mit Namen OSWALDUS, welchen Ansverus sehr liebte, weil er den Namen seines Vaters führte. Als nun Ansverus einmal den Gottesdienst in der Klosterkirche verwaltete, und den Leib des Herrn im Abendmahl vertheilte, so sah jener Oswaldus, daß der heil. Evangelist Johannes bei dem Altare stand und dem Ansverus verkündete, er werde über alle seine Verfolger den Sieg davontragen.

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Derselbe Klosterbruder sah ein anderes Mal den Herrn Jesum Christum in der Gestalt eines allerliebsten Kindes, welches eine Krone in der Hand hatte und dieselbe dem Ansverus aufs Haupt setzte. Und als dieser nachher das Gratias vor dem Altare las, so sahen mehrere seiner Brüder mit eigenen Augen einen Engel Gottes mit dem Ansverus gehen, zum Zeugniß, daß Ansverus sich ganz von den Boten Gottes leiten ließe. Ja, man sagte sogar, daß Ansverus an dem geheimen Orte, welchen er sich auserwählt, mit den Engeln Zusammenkünfte habe. Da aber seine Brüder ihn und sein ganzes Wesen nicht begreifen und verstehen konnten, so wurde Ansverus vor den Abt und das ganze Capital gefordert und wegen seiner ungewohnten Sitten zur Rechenschaft gezogen. Ein anderes Mal, als sie in Abwesenheit des Abtes viele Anschuldigungen gegen ihn vorbrachten, von denen ihn aber Manche von seinen Brüdern lossprachen, geschah es, daß diejenigen, welche bei ihrer Anklage beharrten, von einem plötzlichen Donnerschlag so niedergeworfen wurden, daß sie von demselben sich kaum wieder erholen konnten, und dem Ansverus das Priesteramt, welches sie ihm früher verboten hatten, jetzt wieder antrugen. Während dieser Anklagen und Verläumdungen unterließ er es nicht, mit großer Sehnsucht und vielen Thränen in seinen Gebeten den Herrn Jesum und die Jungfrau Maria zu verehren und anzurufen. Und so geschah es denn, daß die heil. Jungfrau am Altare der Klosterkirche zu St. Georg gesehen wurde, wie sie einen schönen Edelstein aus der Krone, welche sie trug, ausbrach und denselben dem heiligen Ansverus auf seine Stirn drückte.

Daß aber Ansverus ein wahrhaftiger Liebhaber der heil. Dreieinigkeit war, das offenbarte sich, wie die Le-

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gende sagt, in einem Gesichte, welches einem Andern seiner Brüder in der Klosterkirche zu ST. GEORG zu Theil wurde. Es war nämlich einer der Klosterbrüder sehr krank, und ihn pflegte in seiner Krankheit ein Schüler des Ordens. Dieser aber ging, so oft er nur die Zeit dazu hatte, in die Kirche und verrichtete dort sein Gebet für sich und seinen Kranken. Einstmals nun, als er auch zu diesem Zwecke in die Kirche gegangen war und sich mit freudigem Muthe von seinem Gebete erhob, sah er den Ansverus in einer Entzückung und mit geneigtem Haupte dem Herrn dankend. Voll Staunen über solche Innigkeit des Gebetes und tief im Herzen von Verlangen ergriffen, auch so zu Gott beten zu können, wurde der Schüler also erweckt, daß er den Ansverus die lieblichsten Gesänge mit dreifachen Stimmen aufs lieblichste singen hörte. Da verwunderte er sich noch mehr und es trieb ihn eine Neugierde, daß er sich ihm schnell näherte, um zu erfahren und mit eigenen Augen zu sehen, was das wäre, und ob es DREI wären, welche da sängen. Doch auch da sah er Niemanden anders, als den Ansverus und hörte doch drei Stimmen. Aus diesem Gesichte nun, welches der Schüler hatte, merkte und schloß man, daß Ansverus in dem beschaulichen Leben ein Nachfolger des heil. Augustinus war, welcher in der heil. Dreieinigkeit drei Personen, aber nur ein Wesen verkündigte. So wie Abraham drei Männer sah und nur einen anbetete, so sah dieser Schüler nur einen und hörte drei. -

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Ansverus als Abt des Klosters Ratzeburg.

Doch nun war es an der Zeit, daß das Traumgesicht erfüllet wurde, welches Ansverus auf dem Wege von seiner Vaterstadt nach dem Kloster vor Ratzeburg gehabt hatte, daß er dort, wohin er kommen würde, das oberste Regiment erlangen würde. Es geschah nämlich, daß der bisherige Abt des Klosters starb. Da kamen alle Brüder in dem Kloster zusammen, um einen neuen Abt aus ihrer Mitte zu wählen, und einstimmig erkoren sie den Ansverus zu ihrem Oberen. Das war die Schickung Gottes, daß alle Trübsal und aller Kummer, welche er hatte erdulden müssen, ihn zu dem herrlichsten und seligsten Ziele führten. Als Abt nun leitete Ansverus die Schaar, welche ihm befohlen war, durch heilige Lehre und eigenes gutes Beispiel an zu einem tugendsamen Leben in stetem Glauben, unerschütterlicher Hoffnung und seliger Liebe, so daß seine Zeitgenossen, gewohnt, ausgezeichnete Männer mit Heiligen aus der Schrift zu vergleichen, von ihm sagten, im Glauben folge er Abraham, in der Hoffnung dem rechtfertigen Simeon und in der Liebe dem Herrn Jesu Christo selbst, welcher sich der Sünder erbarmt, ihrer Reue wartet und nicht den Tod des Sünders will, sondern daß er lebe.

Es geschah aber, daß sich einer der Mönche schwer vergangen hatte, wofür er von dem Abt Ansverus Strafe empfangen sollte. Ansverus aber, wohl bedenkend, daß die Gerechtigkeit eine Tugend sey, welche die Guthandelnden belohne, und die Übelthuenden bestrafe nach der Größe des Verbrechens, fürchtete, daß er entweder zu

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streng verfahren würde gegen den Missethäter, oder, wenn er ihn zu leicht bestrafte, daß er seine Übertretung zu begünstigen schiene. Daher flehte er zu Jesu in seinem Gebete, daß er ihm in den Sinn geben möchte, wie er die Sünde bestrafen sollte, ohne das Maaß zu überschreiten. Während er noch betete, so fiel vom Himmel eine Ruthe 11) in seine Hand, zum Zeichen der Strafe und Züchtigung des Missethäters. Als der Missethäter nun, welcher bisher seine Übertretung für unbedeutend und wenig strafbar gehalten hatte, die Größe seiner Missethat daraus erkannte, daß er in der Hand des Abtes die vom Himmel gefallene Zuchtruthe sah, so gestand er sein Verbrechen ein und bereuete dasselbe so aufrichtig, daß er acht Tage lang harte Buße that und am neunten Tage im Frieden Gottes eines sanften Todes verschied. Als Ansverus dies vernahm, wandte er sich im Gebet zu Gott und fragte ihn, was er nun mit der ihm vom Himmel gesandten Ruthe machen sollte. Und in demselben Augenblicke verwandelte sich die Ruthe in ein langes Wachslicht, welches mit Holz umkleidet war, und welches so lange in demKloster vor Ratzeburg aufbewahrt wurde, bis dasselbe 1006 zerstöret wurde.

Wir haben jetzt den heil. Ansverus in seinem Leben kennen gelernt, wir haben ihn gesehen, wie er von Begierde, Weisheit zu lernen, getrieben, seine Eltern, seine Heimath, alle Reichthümer der Welt, welche ihm in so reichlichem Maaße zu Theil werden und ihn anlocken konnten, verließ und sich einem beschaulichen und geistigen Leben widmete; wir haben alle die Wunder kennen gelernt, durch welche der Himmel ihn, der sich vor Gott demüthigte, erhob und herrlich machte vor aller Welt, wir haben ihn als eifrigen und fleißigen Schüler gesehn, wir

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haben haben bewundern können seine Milde 12) und Gottergebenheit, mit welcher er als Abt seine ihm anvertraute Schaar anführte und auf den rechten Weg zu leiten suchte. Aber dies Alles verschwindet vor der Herrlichkeit, zu welcher er nun noch erhoben werden sollte. Er war groß, wahrhaft erhaben und nachahmungswerth in seinem Leben, er war aber noch größer in seinem Tode; denn da sollte man noch mehr den Sieg eines frommen und demüthigen Herzen über die Rohheit und Verstocktheit der Sünder erblicken. Der eine Theil seines Traumes, welchen er auf dem Wege nach dem Kloster gehabt hatte, war schon erfüllt worden, er war Abt des Klosters geworden und hatte das oberste Regiment erlangt, der andere Theil aber, daß er bis an seinen Tod Gott dienen sollte, das sollte er nun auf eine herrliche Weise offenbaren.

Indem nämlich die Kirche Christi sich schon gegen tausend Jahre auf Erden ausgebreitet hatte und viele Völker zu derselben bekehrt worden waren, schmachtete das Land der Wenden und Slaven noch unter der Knechtschaft und in der Finsterniß des Heidenthums, und sie kannten noch nicht den Glauben, der sie zur Seligkeit führen konnte. Da wurden viele Prediger und Bekehrer in diese Lande geschickt, aber die Herzen der Slaven waren verstocket und verhärtet, so daß der Saame, welchen diese frommen Männer ausstreuten, meistens auf einen steinigen Grund fiel und daß nur sehr wenige bekehrt wurden zum Christenglauben. Unter diesen aber, welche zum Christenthum bekehrt wurden, war auch GOTTSCHALK, ein Fürst der Obotriten, dessen Geschichte wir hier kurz berühren müssen, weil er als Stifter des oben erwähnten Klosters für die Geschichte des Ansverus von großer Bedeutung ist.

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Gottschalk's Vater war UDO, der Sohn MISTEVOY'S, ein Fürst der Obotriten, welcher von 1023-1031 über dieselben regierte. Zwar hatte Udo aus Furcht vor BERNHARD dem strengen Herzog der Sachsen, Ruhe in seinem Lande halten müssen, im Herzen aber war er dem Christenthum abhold geblieben und hatte es sogar, wo er es nur vermochte, mit Grausamkeit verfolgt. Aus Furcht vor Hz. Bernhard hatte er selbst gegen seine Überzeugung den Erzbischof Unvanus in Hamburg besucht und seinen Sohn in das St. Michaelis-Kloster zu Lüneburg geschickt, wo derselbe getauft wurde und den Namen Gottschalk erhielt. Als dieser Gottschalk nun aber hörte, daß sein Vater Udo von einem Sachsen, einem Christen, ermordet worden war, so entfloh er aus seinem Kloster, schwur den Christenglauben ab und ward in dem Maße ein Feind desselben, daß er allen Christen in seinem Lande Verderben schwur und mit der Horde, welche er zusammen brachte, ganz Holstein, Stormarn und Dithmarsen verheerte. Endlich aber, als er von Reue über seine Frevelthaten ergriffen, sich wieder dem Christenglauben etwas zugewandt hatte, wurde er von Hz. Bernhard gefangen genommen, welcher ihn zwar anfänglich in Fesseln hielt, ihm aber bald wieder, wahrscheinlich unter der Bedingung, das Land zu räumen, die Freiheit gab. Nachdem Gottschalk nun mehrere Jahre unter Kanud dem Großen gefochten, dort großen Ruhm im Kriege gegen Norweger und Engländer gewonnen, und eine Anverwandte Kanud's, Sirith, eine Christin, zur Gemahlin erhalten hatte, Ratibor aber, welcher nach Udo's Tode über die Obotriten geherrscht hatte und auch dessen acht Söhne im Kriege gegen die Dänen gefallen waren, so machte er wiederum Ansprüche auf das Land der Obo-

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triten, stellte sich an die Spitze seines Volkes, überwand mit Hülfe der Dänen und des Herzogs von Sachsen auch die Wagrier und Polaben und wurde von Dänemark und Sachsen als König der Obotriten, Wagrier und Polaben anerkannt. So war Gottschalk nicht nur zum Christenthum zurückgekehrt, sondern er erwarb sich nnn auch die größten Verdienste um die Verbreitung desselben, ja er predigte selbst dasselbe seinen Unterthanen, indem er die Vorträge der Geistlichen und Bischöfe des besseren Verständnisses wegen ins Slavische übersetzte. Immer mehr Priester zog er heran und gründete viele Klöster und unter diesen das zu Ratzeburg, 13) welches dem heil.Georg geweiht und nach der Regel der Benedictiner eingerichtet wurde. Bald nach der Stiftung des Klosters jedoch, das in Kurzem eine solche Wichtigkeit erhielt, daß es sogar vom Erzbischof Adalbert von Hamburg zum Sitze eines Bischofs bestimmt wurde 14), kam durch den Streit, welchen Erzbischof Adalbert mit Herzog Bernhard's Söhnen ORDULF und HERMANN hatte, und in welchem letztere sich endlich 1062 vor dem mächtigen geistlichen Herrn, welcher noch in gutem Einverständniße mit dem Erzbischof Hanno von Köln stand, beugen mußten, die Burg Ratzeburg 15) und mit derselben auch jenes St. Georgs-Kloster durch Verleihung Kg. Heinrich IV. in den Besitz Hz. Ordulf's von Sachsen, indem Gottschalk, anderweitig genug beschäftigt, sich nicht um diese entlegenen Orte kümmern konnte. So wichtig aber auch der Besitz der Burg zu Ratzeburg war, um sich gegen die angränzenden Slaven zu behaupten, so war dieser Besitz für die Sachsen doch nur von sehr kurzer Dauer, denn dem Aufstand, welcher unter den heidnischen Obotriten ausbrach und dem Christenthum zum zweiten Male in

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diesen Gegenden beinahe ein Ende machte, wurde auch Ratzeburg ein Opfer und so natürlich zuvörderst auch das am See belegene Kloster des heil. Georg. Dieser Aufstand nun, welcher besonders durch die Habsucht und die Strenge der Sachsen erregt wurde, kam, da Hz. Ordulf nicht das Ansehn und die Macht seines gestrengen Vaters behaupten konnte, unter PLUSSO, einem Schwager Gottschalk's, auf eine furchtbare Weise zum Ausbruch. Entsetzliche Grausamkeiten wurden verübt und sogar Gottschalk selbst wurde zu Lenzen an der Elbe beim Gottesdienst in der Kirche überfallen und ermordet; und noch viele andere Gräuelthaten geschahen, welche hier aufzuzählen uns zu weit führen würde.

Des Ansverus Leiden und Tod.

Und so kehren wir zu unserm Ansverus zurück, welcher mitsammt seinen Brüdern ebenfalls ein Opfer der empörten und blutgierigen Slaveu wurde. Die Anzahl derer nämlich, welche als Mönche in dem Kloster bei Ratzebnrg lebten und von dort aus aufs thätigste für die Ausbreitung des Christenthum's gearbeitet hatten, war mit Einschluß des Abtes auf neun und zwanzig gewachsen. Bei jenem Aufstande nun (es geschah dieser aber am 15ten July des Jahrs 1066) fiel ein Schwarm von heidnischen Slaven mit einer unerhörten Wuth über das St. Georgskloster her und wie wilde Löwen, sagt die Legende, rissen sie voll Grausamkeit den heil. Ansverus mit seinen acht und zwanzig Klosterbrüdern aus demselben und schleppten sie nach dem etwa 2000 Schritt vom Kloster entfernten Rinsberg, wo sie den frommen Brüdern

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den Tod der Steinigung bereiteten. Da nun aber Ansverus fürchtete, daß etliche von seiner Schaar aus Furcht vor einem solchen Tode den Christenglauben verläugnen möchten, so bat er seine heidnischen Verfolger, daß sie seiner so lange schonen möchten, bis die Brüder alle getödtet wären. Jene bewilligten ihm seine Bitte, in der Hoffnung, daß er vielleicht von dem christlichen Glauben abfallen würde. Doch es war ihm ja auf dem Wege nach dem Kloster geweissagt worden, daß er bis an seinen Tod Gott treu dienen werde und so ward denn auch die Hoffnung der Slaven gänzlich getäuscht: anstatt seinen Glauben zu verläugnen, feuerte Ansverus seine Brüder, gleich als wenn er schon die Seligkeit, die ihnen bevorstand, fühlte, durch die Erzählung des bittern Todes Jesu Christi und der heiligen Märtyrer an. Als die ungläubigen Slaven dies hörten, so wurden sie noch viel mehr bestärkt in ihrer Bosheit und griffen alsbald ohne alles Mitleid zu den Steinen, und gleichsam in einem Sturme tödteten sie sechs und zwanzig Mönche. Während diese aber noch mit dem Tode kämpften, so überstralte sie Gott, zum Beweise, daß er allen denjenigen beistehe, welche ihn in ihrer Noth anrufen, mit wunderbarem Glanze himmlischer Klarheit. Andere Christen, welche dabei standen, sahen in diesem Glanze leuchtende Schaarr von Engeln Gottes, welche die Seelen der heiligen Märtyrer mit himmlischen Gesange zur Freude des Himmels einführten. Welche Wonne, welcher Jubel war da, sagt die Legende, 16) wo das Licht der Engel die Seelen der Märtyrer zur Erduldung der großen Leiden ermuthigte. Weshalb denn auch viele von den Umstehenden, ermuthigt durch die himmlische Klarheit, den Glauben der Christen und derer bekannten, welche gesteinigt wurden,

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und in derselben Stunde selbst auch gesteinigt ihre Seele dem Herrn befahlen: So war bei der Steinigung zufällig unter andern ein Mann mit seiner Frau zugegen, welche beide Zeugen dieser wunderbaren Erscheinung waren. Da sprach die Frau zu ihrem Manne: "Siehst du nicht die leuchtende Klarheit Gottes und die Engel, welche die Seelen der heiligen Märtyrer zu der ewigen Freude einführen? Bei dieser heiligen Schaar wollen wir bleiben, und es ist uns auch nichts nütze, daß wir uns von ihnen trennen, deßhalb wollen wir offen bekennen, daß Christus ist der Sohn Gottes, an den wir glauben, und wir wollen sagen, daß wir Christen sind." Da antwortete ihr der Mann, der zwar auch für Christo gewonnen war, aber noch nicht den mnthigen Glauben seiner Frau besaß: "Wir haben aber noch viele kleine Kinder zu Hause, wem sollen wir die befehlen?" Es antwortete das Weib: "der Vater im Himmel ist ein Beschirmer und Helfer der Waisen, die er geschaffen hat, und zum Lobe seines Namens und zu seiner Ehre werden wir diesen Tod erleiden; Er aber wird sich ihrer annehmen und wird ihr allertreuester Hüter und Beschützer sein." Sofort boten sich beide mit den heil. Märtyrern zum Opfer Gottes dar und wurden gesteinigt.

So waren denn außer dem Ansverus nnr noch zwei Mönche, mit Namen JOHANNES und VOLQUINUS, übrig, beide Männer von großen Tugenden und festem Glauben, welche ihrer Brüder Marter unverzagt angesehen hatten, fest entschlossen, für ihren Glauben zu sterben. Einer von den Verfolgern nun, welcher noch wüthender war, als die andern, traf mit einem großen Steine den Johannes an der rechten Seite und verwundete ihn an der Schläfe. Johannes aber ward noch freu-

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diger in der göttlichen Liebe und warf denselben Stein seinem Mörder wieder zurück, und dieser traf ihn sodann oben auf dem Kopfe, daß er ihm die Hirnschale zerschmetterte. Johannes aber warf nun den Stein zum zweiten Male zurück, und zum dritten Male getroffen, gab endlich der fromme Mann seinen Geist auf. Sodann wurde auch Volquinus herangeschleppt, und von demselben Steine getroffen, befahl auch er seine Seele seinem Schöpfer.

Da aber Ansverus gesehen hatte, daß sie alle den Steinigungstod erduldet hatten, so dankte er Gott, daß von der Schaar, welche Gott ihm anvertraut hatte, nicht einer abgefallen und verloren gegangen wäre. Sodann betete er zu Gott, daß sogleich nachdem sein Leichnam in Staub zerfallen sei, zur Stärkung im Christen-Glauben seine Gebeine gefunden werden, und daß alle, welche in ihrer Noth die heil. Märtyrer anriefen, Barmherzigkeit und Gnade erlangen möchten.. Nachdem er dies Gebet vollendet und Gott dasselbe erhört hatte, so rief er die Hülfe des frommen Märtyrers STEPHANUS an, welcher freudig die Steinwürfe der Juden empfangen hatte, und von dem Steine getroffen, gab er seine Seele seinem Schöpfer zurück.

Da lagen nun die Leichname der Märtyrer unbegraben, als ein frommer Priester mit einigen andern Christen an die Stelle kam und mit heißen Thränen Gott bat, daß er ihnen nach seiner Gnade zeigen möchte, wer von den Gemordeten der Oberste und ihm Angenehmste gewesen wäre, damit sie seinem Körper eine größere Ehre könnten widerfahren lassen. Da kam ihm auf den Wink Gottes in den Sinn, daß er alle Leichname in das Wasser, welches in der Nähe war, senkte mit der Bestim-

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mung, daß der Leichnam, welcher oben schwimmen Wälde, der Körper des vornehmsten Märtyrers sein sollte. Sofort gingen alle Leichen der übrigen Märtyrer unter, nur die des Ansverus schwamm oben. Da aber der Priester noch zweifelte, so bat er aufs Neue Gott, daß wenn das Wunder wirklich wahr wäre, der Leichnam, welcher oben schwämme, untergehen und diejenigen, welche zu Grunde gegangen wären, wieder hervorkommen möchten; welches auch sogleich geschah. Sie sammelten nun alle Leichname und begruben sie in der Nahe des Ortes, wo sie gesteinigt waren, mit großer Ehrfurcht, den Leichnam des Ansverus aber, welchen sie nun durch die eben erzählten Wunder erkannt hatten, begruben sie in einem gehauenen steinernen Gewölbe 18) des Klosters, welches er bewohnt hatte.

Des Ansverus Erhöhung und Heiligsprechung.

Einige Zeit nachher, etwa ein Jahrhundert später, kam ein blinder Mann zu der Kluft und wollte sein Gebet verrichten und stieß zufällig mit seinem Fuße an das steinerne Grab des Ansverus. Da fiel er auf dasselbe mit gefalteten Händen hin und betete innig zu Gott, und er ward zur selbigen Stunde sehend. Aus Freude hierüber ging er zum Bischof EVERMODUS von Ratzeburg und erzählte ihm das Wunder seiner Heilung. Dieser aber versammelte viele Geistliche und Laien und Edelleutc, und grub den Leichnam des Ansverus aus und brachte denselben mit große Ehren in die Kirche zu Ratzeburg.

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Ein anderes Wunder soll im Jahre 1329 am Abende vor dem St. Jacobustage geschehen seyn. Ein ehrliches Weib, heißt es in der Legende, schlummerte leise und sah zwei Männer zu sich kommen in leuchtenden Kleidern, welche zu ihr sprachen: "Von Gott sind wir zu dir gesandt, um dir zu verkündigen, daß Gott der Herr durch dich will geehrt werden". Alsbald verschwand das Gesichte. Als sie nun erwachte, so hielt sie es für einen Traum. Um Mitternacht stand sie auf, um, wie sie gewohnt war, zu beten; da sah sie mit leiblichen Augen dieselben zwei Männer in denselben Kleidern zu sich kommen und sie hatten zwei brennende Wachslichter in den Händen und sagten abermals zu ihr: "Von Gott sind wir zu dir gesandt, daß du uns sollst verkündigen, auf daß Gott der Herr durch dich in uns geehrt werde". Darüber verwunderte sie sich sehr und sprach zu ihnen: "Wer seyd ihr und wie soll Gott in Euch geehrt werden?" Da sprach derjenige, welcher der Kleinste von ihnen war (Ansverus): "Wir sind die Vornehmsten von den Märtyrern, welche vor Ratzeburg wegen ihres Glaubens und um des Namens Jesu Christi willen von den Heiden gesteinigt worden sind, und wir sind mit Jesu unter der Zahl der Heiligen in der himmlischen Freude, darum sollst du Gott loben und ehren in uns und in allen Märtyrern, und durch dein Gebet an der Stelle, wo unsere Gebeine begraben sind, hat Gott durch unsere Verdienste vielen Leuten Seligkeit verliehen." Als sie dies gesagt hatten, verschwanden sie. Durch die Erscheinung dieser Heiligen und dnrch ihre Worte ward die Frau von großer Liebe zu Gott entflammt und dankte Gott von ganzem Herzen und segnete in allen ihren Gebeten den gekreuzigten Jesum um der Märtyrer willen.

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An dem nächsten Feste der Himmelfahrt kam sie nach Ratzeburg, um Gnade und Ablaß zu erhalten für ihre Sünden; und als sie dort in der Proeession den Herrn Jesum und seine Mutter und viele Engel mit ihnen in großer Klarheit sah, und auch jene beiden Märtyrer erblickte, welche sie oft ansahen, so wurde sie noch mehr mit göttlicher Liebe und Freude gestärket, als bei der ersten Offenbarung derselben. Als nun die Procession in das Kloster ging, so folgte Jesus mit seiner ganzen Schaar und auch die beiden Märtyrer und blieben dort, bis der Zug in das Chor ging: da folgten auch sie in das Chor und sangen dort den allerschönsten Gesangs Nachdem aber die Messe auf's herrlichste gesungen war, ging die Frau mit großer Freude in ihr Haus zurück und blieb voll von der Furcht und der Liebe Gottes.

Als nun ein Jahr darauf wieder der Tag des Apostels Jacobus erschienen war, so erinnerte sie sich des Gesichtes, welches sie ein Jahr zuvor gehabt hatte, und sie beschloß nach Ratzeburg zu gehen, wo die Gebeine der Märtyrer begraben waren, und wo sie auch am Tage der Himmelfahrt die Procession gesehen hatte. In derselben Nacht des Apostels Jacobus kam also die Frau mit vielen andern Leuten zur Zeit der Frühmette in die Domkirche und suchte sich einen verborgenen Ort zum Beten aus. Da offenbarten sich ihr drei Männer in leuchtenden Kleidern, welche von dem Chore herabkamen auf der südlichen Seite; zwei andere aber gingen ihnen vor mit brennenden Kerzen und dies waren Cngel Gottes. Und als sie zu dem Altare des heil. Stephanus kamen, welcher auf der südlichen Seite lag, so setzten sie die brennenden Lichter auf den Altar und blieben bei demselben stehen. Da verschwand einer von ihnen und

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sie sah ihn nicht mehr; die andern beiden aber neigten ihre Häupter vor dem heiligen Stephanus und gingen nach der Stelle, wo die Frau betete und sahen sie mit heiterem Antlitze an, als wenn sie ihre Freundinn und ihnen wohlbekannt wäre, und sprachen zu ihr mit sanften Worten: "Fürchte dich nicht und frage uns, und wir wollen dir alles sagen, was du uns fragen wirst, hinsichtlich dessen, was wir sind." Sie aber durch die freundlichen Worte ermuthigt, fragte sie: "Wer seyd Ihr und wie heißet Ihr?" Da antwortete der Jüngste von ihnen: "Mein Name ist Ansverus, und ich war ein Abt und ein Vater einiger Mönche in dem Kloster vor Ratzeburg und wir wurden auf dem Berge vor Ratzeburg wegen des Glaubens an Christum gesteinigt und der, welchen du hier neben mir siehst, heißt Johannes." Da fragte sie: "Wer war denn der dritte, der mit Euch vom Chore kam und welches ist sein Name"? Er antwortete: "Volquinus heißet er". Sie darauf: "Warum trennte er sich dort von Euch"? Ansverus: "Gott hat ihn an einen andern Ort gesandt, daß er unsere Marter verkünden soll". Da sah das Weib, daß auf dem Altar drei Kerzen standen, welche hell leuchteten, darnach noch heller und endlich am allerhellsten; und als sie fragte, was diese Verwandlung bedeute, so antwortete Ansverus: "So wie sich die Klarheit der Kerzen vermehrte, so soll nach der Vorsehung Gottes der Ruhm unsers Märtyrertodes über die ganze Welt verbreitet werden." Und als sie zu fragen fortfuhr: "Wo ward denn Eure Marter vollbracht?" so erzählete Ansverus sein und der Mönche ganzes Leiden, wie es oben beschrieben stehet, und sagte dabei: "In dreien Zeiten sind wir dir erschienen von Gott gesandt, daß du der Kirche unsere Marter und den

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Ort, an welchem unsere Gebeine liegen, offenbaren sollst," und als sie einwarf: "Wie kann ich das thun, die ich eine arme und gemeine Frau bin"? so sagte Ansverus: "Fürchte dich nicht, Gott hat die Kranken und Armen vor der Welt auserwählt, auf daß er beweise, daß die, welche von der Welt für stark und mächtig gehalten werden, eitel und vergänglich sind. Geh," sagte er, "und zeige dem Propsten dieser Kirche alle Dinge an, die du gesehn und gehöret hast, daß er sie verkünde seinem Vorgesetzten, auf daß Gott wegen unserer Verdienste über die ganze Christenheit und über diese Kirche und über dies ganze Land sich erbarmen möge." Als er dies gesagt hatte, so gingen sie auf das Chor und die Engel nahmen die Kerzen und sie verschwanden. Da lobete und benedeite die Frau Gott mit eifrigem und innigem Gebete wegen der großen Gnade, die ihr geschehen war, zum Lobe und zur Ehre Gottes, der sie vor allen Creaturen gesegnet hatte. -

So weit die Legende. Das Ende derselben ist von besonderer Wichtigkeit, indem sich daraus zu ergeben scheint, zu welcher Zeit Ansverus heilig gesprochen worden ist. Daß die Nachricht des Wolterus (in Chron. Brem apud Meibom. S. R. G. Tom. II.) falsch sey, leuchtet ein, denn es ist wohl schwer zu glauben, daß Erzbischof Adalbert von Hamburg, so hochfahrend er sonst auch war, es sich sollte vermessen haben, aus eigner Machtvollkommenheit und zwar durch einen Suffraganen einen Heiligen zu creiren. Eben weil eine bestimmte Nachricht über die Zeit, wann die Canonisation geschah, fehlte, so hat man spater dazu den Zeitpunkt angenommen, der allerdings wohl dafür passend gewesen wäre, nämlich den der Hinüberführung der Gebeine des Ans-

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verus in die Domkirche. Jedoch wenn Ansverus schon damals zum Heiligen erhoben worden wäre, so würde er gewiß 1250 auch in Gesellschaft des heil. Evermodus und heil. Isfridus sich befunden haben, als diese dem Ludolfus den heiligen Kelch reichten (siehe Anm. I, c); ferner würde dann die Legende schon viel früher verfaßt worden seyn und nicht erst nach dem Jahre 1330; besonders aber würde die ganze Erzählung von der Frau, welcher in der Domkirche zu dreyen Malen Ansverus erschien, ohne Sinn seyn, indem dieser, wenn er schon als Heiliger verehrt wurde, nicht mehr nöthig hatte, von der Frau zu verlangen, daß SIE DER HEILIGEN KIRCHE SEINE UND SEINER KLOSTERBRÜDER MARTER UND GEBEINE OFFENBAREN SOLLTE, DAMIT GOTT DER HERR WEGEN IHRER VERDIENSTE SICH ÜBER DIE GANZE CHRISTENHEIT, ÜBER DIESE KIRCHE UND ÜBER DAS GANZE LANDE ERBARME. Wurde also durch dieses Gesicht der Frau der Propst der Kirche und der Bischof erst aufmerksam gemacht auf die Verdienste und die Verehrung des Ansverus, so hatte dieser damals noch keine Verehrung, und seine Canonisation scheint erst in Folge dieses Gesichts geschehen zu seyn. Daher ist auch in der Legende das Jahr, und sogar Tag und Stunde so genau angegeben, wann diese Erscheinung Statt hatte, durch welche sodann ohne Zweifel das Verlangen, den Ansverus heilig zu sprechen, motivirt wurde. Wir meinen also, daß, da einmal durch andere bestimmte und zuverlässigeren Zeugnisse das Jahr der Canonisation des Ansverus nicht bekannt ist, diese mit ziemlicher Gewißheit in das Jahr 1330 oder bald nachher zu setzen sey. Von dem an war denn der Ansverus-Tag (15. July) ein allgemeiner Festtag für Ratzeburg und dessen Umgegend, nur daß weil dieser Tag mit

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andern Festtagen zusammenfiel, später statt des 13. July (dici divisionis Apostolorum) der 18. Juli (dies Arnulfi) dazu genommen wurde. So scheint denn damit auch der Ratzeburger Sommer-Markt oder die Sommer-Messe zusammen zu hängen, welche 8 Tage vor Jacobi zu fallen pflegt, indem es bekannt ist, daß bedeutende Kirchenfeste, die viele Menschen zusammenführten, auch dem Handel und Wandel zum Anhalt dienten.

Was späterhin über den Ansverus berichtet wird, beschränkt sich auf einzelne gelegentliche Anführungen, welche wir Masch's Geschichte des B. R. verdanken. So lesen wir, daß Hz. Erich von Sachsen am 17. März 1380 an der südlichen Seite der Domkirche eine Kapelle stiftete, in welcher der nachherige Vicar täglich eine Messe lesen mußte und unter diesen am Dienstage eine Messe des heil. Ansverus; ferner daß Marquardus von Robele, ein Lübecker, und Ludolphus Molner, ein SCHÖNBERGER Bürger, im Jahre 1407 beschlossen, eine beständige Vicarie am Altar der Apostel Simon und Judas, der heil. Elisabeth, des heil. Martin und des heil. Ansverus und seiner Genossen in der Kirche zu SCHÖNBERG zu stiften, und sie auch dotirten. Seines Festes wird sodann in einer Urkunde vom Jahr 1488 gedacht, wo hinzugesetzt wird, dag Rudolph Schopps 7 Mk. jährliche Rente zu Seelenmessen bestimmt habe. Zu Mölln hatte er ferner eine Kapelle, in welcher 1468 eine neue Vicarie gegründet wurde; zu WITTENBURG wurde ihm 1480 ein Altar geweiht. Merkwürdig ist endlich, und erwähnungswerth, daß noch im Jahre 1511 der Propst der Domkirche und alle andern Wähler bei einer Bischofswahl einen Eid bei Gott, der heil. Jungfrau, dem Apostel Johannes und dem heil. Ansverus ablegen mußten, in

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welchem Jahre auch der erwählte Bischof Henricus darauf verpflichtet wurde, an den vier Hauptfesten und am Feste des HEIL. ANSVERUS UND SEINER GENOSSEN die Hochmesse in der Domkirche zu halten. 1530 wurde des Ansverus silbernes Brustbild vom Domcapitel verkauft, 1552 wurde wiederum ein solches Bild vom Gr. Volrad von Mansfeld auf Anstiften des Hz. Franz mit vielen andern Kostbarkeiten aus der Domkirche geraubt. Wir sehen also aus diesem allen, daß Ansverus ein sehr geehrter und bedeutender Heiliger für Ratzeburg sowohl, als für seine Umgegend war; ja auch nach Einführung der Reformation wurde sein Fest gefeiert und nach der lauenburgischen Kirchenordnung sollte an dem Sonntage nach seinem Feste ein Te Deum gesungen und des Ansverus gedacht werden. Auch soll ein Arm des Ansverus von dem Bischof zu Ratzeburg in das Marienkloster zu Stade (es ist ungewiß wann?) geschickt sein, welches aber im Anfange des sechzehnten Jahrhunderts schon zerstört war.

Noch übrige Denkmäler.

Wir wenden uns nun endlich zu den beiden Denkmälern, welche noch bis auf den heutigen Tag das Gedächtniß des heil. Ansverus bewahren und fortpflanzen. Das erste ist ohne Zweifel das STEINERNE KREUZ, welches an der Seite des Fußweges von Ratzeburg nach Buchholz steht. Es erhebt sich gegen 11 Fuß aus der Erde, der Hauptstamm hat eine Breite von 2 Fuß, der Querbalken aber eine Länge Von 3 3/4 Fuß. Um diesen Querbalken und den Hauptstamm ist wieder ein rundes

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Band. Wenn jetzt die allgemeine Sage geht und auch in neuern Büchern behauptet wird, es habe dieses Kreuz neuerlich eine andere Stelle bekommen, so können wir dieser Behauptung aus sehr glaubwürdigen Quellen und zwar aus amtlichen Mittheilungen widersprechen.

Vielmehr ist die Sache diese: das Kreuz stand bis zur Verkoppelung von EINHAUS im Jahr 1791 frei in einem Ackerfelde und zwar in einem Erdhügel, der vom Pfluge geschont ward. Der Fußsteig, der jetzt nach Buchholz führet, ging sonst weiter rechts am Holze entlang, so daß man, von Ratzeburg durch den Schaart nach Buchholz gehend, das Kreuz linker Hand hatte. Bei der Verkoppelung hat der Feldmesser den jetzigen Redder ausgelegt, und dem Walle gerade die Richtung gegeben, daß das Kreuz, indem es an der alten Stelle unverrückt blieb, in den Wall zu stehen kam. Der Hügel ist abgestochen und so das Kreuz mehr zu Tage gekommen, da es sonst tiefer in der Erde steckte. Es ist jetzt fast lose. Auch ist an den Seiten etwas von dem Kreuze abgeschlagen. Auf einer alten auf dem Amte Ratzeburg befindlichen Situationscharte ist zu sehen, wie das Kreuz sonst sich ausgenommen habe und nur durch den Umstand, daß der Fußsteig verlegt worden ist, so daß man das Kreuz jetzt zur Rechten hat, da man es sonst zur Linken hatte, ist das Aufkommen der gemeinen Meinung zu erklären, daß das Kreuz selbst verlegt worden sey. Dieses ist aber nach Aussage alter Leute, die sich der Sache noch ganz genau erinnern, nicht der Fall gewesen und wird auch unwiderleglich dadurch bewiesen, daß die Inschrift des Kreuzes auf der vom jetzigen Wege abgewandten Seite sich befindet, was gewiß vermieden seyn würde, wenn man das Kreuz von seiner alten Stelle gerückt hatte.

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An dem Kreuze war ein Krucifix, nicht erhaben hervortretend, sondern mit bloßen Umrissen eingehauen, welches noch ziemlich deutlich zu erkennen ist. Auf der linken Seite desselben zieht sich ein Band herab mit einer jetzt unleserlich gewordenen Inschrift. Unter demselben befindet sich ein Todtenkopf mit kreuzweis gelegten Beinknochen, ebenfalls in Umrissen eingehauen. Unter diesem wiederum befinden sich Spuren einer schwerlich noch zu entziffernden Jahreszahl. Das Material des Kreuzes ist Lüneburger Kalkstein.

Am Eingange des Holzes, etwa 100 Schritte vom Kreuze, stand vor wenig Jahren noch eine sehr alte, dicke Eiche, die vom Volke die Ansveruseiche genannt wurde. Da sie verolmt [verwittert] war, so ist sie weggenommen worden; sie hatte geringe Höhe, aber einen mächtigen Umfang.

Wenn der Name des Berges, wo die Steinigung geschah, Rinsberg, nicht auf einer falschen Lesart bei ADAM VON BREMEN beruht, so ist dieser Name jetzt nicht mehr im Gebrauch und dessen Ursprung nicht nachzuweisen. Übrigens ist es ein Berg, welcher auf der östlichen Seite vom See, und auf den übrigen von tief eingeschnittenen Thalern umgränzt wird.

Nach einer allgemein bekannten und noch im Munde des Volkes lebenden Sage soll ein Vorfahr des jetzigen Bauernvogt's Stoß in Einhaus zuerst den Ansverus aus seinem Kloster gerissen und zur Steinigung geschleppt haben.

Die noch vorhandene Bildertafel befindet sich an der nördlichen Seite des Chors der Domkirche nach dem Seiten-Gange hin, ist 9 1/2 Fuß hoch und 10 3/4 Fuß breit und trägt die Überschrift,: Renovatum 1681. Aus welcher Zeit das ursprüngliche, sehr schlecht übermalte Bild herstamme, ist ungewiß; daß es aber ans neuerer Zeit ist,

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als das Kreuz, geht daraus hervor, daß das Kreuz schon auf dem Bilde sich findet. Die Tafel zerfällt in 12 einzelne getrennte Bilder, von denen immer vier in einer Reihe stehen, und welche folgende.Unterschriften haben:

I.   Ansverus reiset von seinen heidnischen Eltern.
II.   Ihn träumt, das er soll Abt im Kloster werden.
III.   Er komt vor's Kloster und wird angenommen.
IV.   Die Brüder sehen das das Kind Jesus ihn krönt.
V.   Ihm wird ein Stein vor die Stirn gedrückt.
VI.   Er wird zum Abt erwehlt von den Brüdern.
VII.   Er vermahnet beständig im Glauben zu bleiben.
VIII.   Gott zeigt ihm das er die Heiden strafen soll.
IX.   Er wird nebst 18 Klosterbrüdern gesteinigt.
X.   Die Christen beklagen die Gesteinigten.
XI.   Sie suchen und finden Ansveri todten Leichnam.
XII.   Er wird mit großer Solennität begraben.


Die Überschrift der ganzen Tafel lautet: Die Historia von Ansvero, welcher erst ein Heide gewest, aber von Gott erleuchtet und Abt worden ist in dem Kloster auf S. Jürgensberg fürm Schlosthor allhier hat den Christenglauben in diesen Landen ausgebreitet, ist aber nebst 18 Klosterbrüdern A. C. 1066 d. 15. Julii von den heidnischen Wenden gesteinigt zwischen hier und Lübeck an dem Orte da der Kreuz-Stein stehet.

Die Abweichungen dieser Tafel von der Legende mögen wohl auf Rechnung späterer Nachlässigkeit oder Unwissenheit zu schreiben seyn. Wenigstens ist die Zahl 18 statt 28 auf jeden Fall ein Schreibfehler des Malers, indem alle Quellen, welche der Zahl erwähnen, einstimmig von 28 mit Ansverus gesteinigten Mönchen erzählen. - Was aus den Gebeinen des Ansverus und der übrigen Märtyrer geworden sey, darüber ist keine nach-

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richt vorhanden. Wahrscheinlich sind dieselben in Folge der Reformation entfernt worden, so wie wir auch oben bemerkt haben, daß das eine silberne Bild des Ansverus in der Domkirche verkauft, das andere geraubt worden sey. Die Gebeine wurden gewiß, aus Furcht vor dem im sechszehnten Jahrhundert immer noch fortdauernden Aberglauben aus der Domkirche geschafft oder so beseitigt, daß ihre Wiederauffindung unmöglich gemacht war. Wegen der in Bezug auf den Aberglauben damals nöthigen Vorsicht vergleiche man, was Burmester Beiträge zur Kirchengesch, von Lauenb. 1832 p. 143 von der Mühe erzählt, welche es gekostet habe, die Verehrung des Marienbildes und des heiligen Blutes zu Buchen abzustellen.

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Anmerkungen und Erläuterungen.

1) a. Evermodus, ein geborner Niederländer, hatte durch seinen Eifer im Glauben das Vertrauen seines Lehrers, des heil. NORBERT, gewonnen, war Prämonstratensermönch geworden und hatte den heil. Norbert, als derselbe zum Erzbischof nach Magdeburg berufen war, ebendahin begleitet, woselbst er Propst des Prämonstratenserklosters UNSER LIEBER FRAUEN, und nachher auch Propst des Klosters Gratia Dei wurde. 1154 ernannte ihn Hz. HEINRICH DER LÖWE zum Bischof des neu gestifteten Bisthums Ratzeburg und Erzbischof HARTWIG von Hamburg führte ihn ein. Sein Bischofssitz war auf dem St. Georgsberge, erst später auf der nahe beim festen Schlosse gelegenen Insel, welche Graf Heinrich von Ratzeburg dem Bischöfe einräumte, und wo nun auch der Bau der Domkirche begann. Die Investitur erhielt Evermodus vom Hz. Heinrich dem Löwen. - 1172 weihte Evermodus den Bischof Heinrich von Lübeck ein. Die Sage will, daß Evermodus die Gebeine des heil. Ansverus in die Domkirche versetzt, das Schloß Verchow erbaut, den Hz. Heinrich d. L. auf seinen Kreuzzug nach Palästina begleitet, und von dort mitgebrachte Reliquien der Domkirche geschenkt habe. Durch seine Thätigkeit vermehrten sich die Kirchen im Lande, und er selbst führte ein gottselig Leben und blieb in Heiligkeit und Gerechtigkeit bis an sein Ende. Auch werden Wunder von ihm berichtet. Graf Heinrich von Ratzeburg hatte zwei vornehme Friesen in Gefangenschaft und mißhandelte diese ungeachtet der Gegenvorstellungen Evermod's. Aber als am Osterfeste die

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Gefangenen dem Gottesdienste in der St. Georgskirche beiwohnten und Evermod ihre Fesseln mit Weihwasser besprengte, die Worte sprechend: "der Herr richtet die Gefangenen auf, der Herr löset die Gebundenen!", da zersprangen alsbald die Fesseln mit großem Geräusch und die Befreieten priesen Gott. - Zu Dithmarsen, wohin Evermod den Erzbischof Hartwig einmal begleitete, gab Evermod einem widerspenstigen Manne, der ungeachtet aller Gegenvorstellungen die Blutrache nicht hatte aufgeben wollen, anstatt des Segens eine mächtige Ohrfeige, worauf sogleich der Teufel aus dem Manne fuhr, und dieser sofort die Rache aufgab und sich mit seinem Feinde versöhnte. - Die von ihm einmal eines Geschäftes wegen abgelegten, zu seiner Amtstracht gehörigen Handschuhe fand er wunderbar in der Luft schwebend, worüber alle, die es sahen, in Staunen geriethen. Vergl. Masch p. 74 und flgd.

b. ISFRIDUS war früher Propst des 1144 gegründeten Prämonstratenserklosters zu JERICHOW im Magdeburgischen, hing treulich an Hz. Heinrich dem Löwen, auch nach dessen Sturze, und setzte sich dadurch manchen Verfolgungen aus. Er ward an des kranken Heinrichs d. L. Sterbebette gerufen und empfing dessen Beichte. Nachdem er in seinen letzten Jahren noch manche Unruhen erlebt hatte, starb er 1204, und wegen seiner seltenen Frömmigkeit, Enthaltsamkeit und Geduld wurde er später heilig gesprochen, und sein Name in Brabant (von wo er wahrscheinlich gebürtig war) noch lange in besondern Ehren gehalten. Von ihm wird erzählt, daß, als er einst am Charfreitage seinem Diener befohlen hatte, ihm Wasser zum Trinken aus dem Brunnen zu bringen, dieses jedesmal, wenn der Bischof es an den Mund brachte, in

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Wein verwandelt ward; als dieses zum dritten Male geschehen, habe er es mit Thränen, aber den Willen Gottes erkennend, ausgetrunken. Zu Anfang des 16. Jahrhunderts wurde noch der Brunnen auf dem Dome neben dem Schatzhause gezeigt; heutzutage ist er unbekannt. - Desgleichen, als Isfrid einst bei der Procession um den Kirchhof einen blinden Bettler mit Weihwasser besprengte, mit den Worten: "der Herr löset die Gefesselten, der Herr erleuchtet die Blinden!", so erhielt dieser augenblicklich sein Gesicht wieder. Isfrid's wie Evermod's Gebeine waren lange Zeit in einer besondern Steinkiste auf dem Chore der Domkirche aufbewahrt worden; späterhin sind sie von dort weggeschafft und wahrscheinlich im großen Mittelgange der Domkirche beigesetzt worden, wo auch noch ihre Grabsteine sich finden. Vergl. Masch p. 86 u. flgd.

c. LUDOLFUS ward seiner besondern Tugenden und Gaben wegen durch Wahl des Kapittels 1236 zum Bischof erwählt. Ihn nennen die Chroniken einen ausgezeichneten Mann, der mit allen Tugenden geziert war; und zu seiner Zeit herrschte eine solche Gottesfurcht, Heiligkeit und strenge Zucht in Ratzeburg, daß das Kloster sowohl vom Volke, als von den Geistlichen des Ordens ein Gefängnis genannt wurde. Er hatte viele Streitigkeiten mit dem Hz. Albrecht zu bestehen, der niemals sein Freund gewesen war, zuletzt aber sein erbitterter Feind wurde. Wahrscheinlich hatte Ludolf denselben gereizt, indem er sich weigerte, ihm das Schloß Verchow *) abzutreten, damit
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*) Dieses Schloß der Bischöfe lag am südlichen Ende des Ratzeburger Sees an der Stelle, welche jetzt MARIENHÖHE heißt. Es ward späterhin, es ist ungewiß warum, von dem 14. Bischofe v. R., Volradus,

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dieses nicht "aus einem Hause des Herrn in eine Räuberhöhle verwandelt würde." Als er einst in Amtsgeschäften von nur Wenigen begleitet ausgereiset war, ward er von Erikinus de Remor (vielleicht von Buchwald), einem lübeckischen Ritter, gefangen genommen, verspottet, hart behandelt, ins Gefängniß geworfen, in Wälder geführt, und an Händen und Füßen gebunden den Stichen der Mücken preisgegeben, und endlich, da er das Alles geduldig ertrug, an einen Juden verpfändet, dann in die Wälder zurückgebracht. Nach seiner Befreiung begab er sich aber nicht nach Ratzeburg zurück, sondern nach Wismar zum Fürsten von Mecklenburg, JOHANN DEM THEOLOGEN. Von hier aus belegte er im Jahr 1240 (nicht aus Haß, sondern der Gerechtigkeit wegen) Hz. Albrecht und seine Nachkommen bis ins vierte Glied mit dem Banne, segnete aber Johann von Mecklenburg und seine Nachkommen. In Wismar lebte er bei den Minoriten, wo er bald durch Nachtwachen und Fasten  aufgerieben wurde. In der Nacht vor seinem Tode sah er auf wunderbare Weise zwei Geistliche zu sich kommen, welche ihm den Kelch des Heils reichten. Man glaubte allgemein, es wären dieses die Heiligen Evermodus und Isfridus gewesen und am folgenden Tage den 29. März 1250 starb er, während im Chore die Messe gesungen wurde. Das erste Zeichen seiner Heiligkeit erkannte man daraus, daß, als seine Leiche von Wismar nach Ratzeburg zurückgebracht wurde und in der Nähe von SCHLAGSDORF vorüberkam, die Glocken dort von selbst zu läuten anfingen.
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der von 1333 bis 1355 regierte, abgebrochen, der aus den Steinen das kleine steinerne Haus, nahe bei der Kirche in Ratzeburg aus dem Bischofshofe und einen Keller bauen ließ. Vergl. Masch p. 255.

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Auf Befehl des Herzogs wurde seine Leiche von der Brücke bis zum Kirchhofe durch Edelleute getragen, von wo aus die Domherrn sie in die Mitte der Kirche trugen. Nach seinem Tode that er viele Wunder. So z. B. ward Ritter Hartwig von Ritzerow durch seinen Glauben an den heil. Ludolf und sein Gebet an ihn von einer Pfeilspitze befreit, welche demselben im Kopfe stecken geblieben war, und welche früherhin auf keine Weise hatte entfernt werden können; wofür der Ritter durch kostbare, der Domkirche gemachte Geschenke sich dankbar bewies. - Vergl. Masch p. 140 u. flgd. v. Kobbe I. 310.

d. Der hochfahrende Erzbischof von Hamburg, ADALBERT (1043-1072), nicht zufrieden mit seiner Würde, wollte Patriarch werden und 12 Bisthümer unter sich haben. Daher theilte er ohne des Kaisers Zustimmung das Bisthum von Oldenburg in 3 Bisthümer, zu Oldenburg, Mecklenburg und Ratzeburg, welche er mit fremden Geistlichen besetzte. Für Ratzeburg wurde zum Bischof der Priester ARISTO bestimmt, der gerade auf der Rückreise von Jerusalem begriffen war. Doch scheint die Einrichtung eines Bisthums in Ratzeburg damals nur beabsichtigt, nicht aber ausgeführt worden zu seyn, denn außer der oben angeführten Notiz aus Adam v. Bremen (und denen, die ihn ausgeschrieben) findet sich weiter keine Nachricht darüber, Bei der späteren Gründung des Bisthums durch Heinrich d. Löwen wird von keiner Erneuerung desselben gesprochen, und Aristo zählt nicht mit in der Reihe der Bischöfe von Ratzeburg. Auch wissen die Chronikenschreiber nichts von Aristo zu berichten, und was sich etwa findet, ist spätern Ursprungs und von geringer oder keiner Glaubwürdigkeit. Übrigens war Aristo, an dessen Existenz jedoch wegen des Zeugnisses Adams von

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Bremens nicht zu zweifeln ist, ein Zeitgenosse des Abtes Ansverus und auch er soll heilig gesprochen sein. er starb 1068. Vergl. Masch p. 16 u. 17.

2) Als Quellen sind folgende zu bemerken: Adam Bremens. IV, c. 11. Helmold. Chron. Slavorum lib. I, c. 22. Westphalen mon. ined. III, 269, erzählen mit wenigen Worten die Steinigung des Ansverus. Ausführlicher findet man die Legende bei Langebeck script. rer. Danic. med. aev. Hafniae 1774, tom. III, p. 580-601, wo sich finden: Acta Sancti Ansveri auctore anonymo, cap. I., S. Ansveri natales, adolescentia, vita monastica et virtutes. cap. II. Martyrium, sepultura, translatio et miraculum. Ferner 1. Officium de S. Ansvero ex Breviario Slesvicensi. 2. Legenda de Ansvero (in niederdeutscher Mundart) ex Passienali Lubecensi, welches den Titel führt: Passionael efte dat Levent der Hyllighen to dude uth deme Latino mit velen nyen hystorien unde leren etc. 3. Breve Officium de S. Ansvero ex Missali Slesvicensi de S. Ansvero et sociis ejus. In dem Werke BOLLANDISTEN finden sich Act. Sanct. Soc. Jes. mense Julio tom IV (auctore Petro Boschio) Venetiis 1748. p. 97-108 folgende Schriften über den Ansverus. 1. Palestra et epoca martyrii. 2. J. A. Cypraei annales Episc. Slesv. I, c. 19, welche Legende auch bei Schloepke von dem Heidenthumb u. s. w. im Fürstenthume Lauenburg p. 82 zu finden ist. 3. Cultus, officium, acta. 4. Acta S. A. auct. anon. ex duob. Mss. Gottorp. cum Ms. Bodecensi collatis, edidit Guil. Cuperus (Dieselben, welche wir oben bei Langeb. angegeben haben). Von neueren Schriftstellern erwähnen den Ansverus ausführlicher Lackmann de variis exequiarum ritibus apid utriusque ducatus Cimbrioi

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nobiles , Kiliae 1748, p. 12-34. it. Addenda p. 63 seqq. CHRISTIANI Gesch. von Schlesw. u. Holstein I, 231 und flgd. v. KOBBE Gesch. des Hzghthums Lauenburg I, p. 79-91, endlisch MASCH Gesch. des Bisthums Ratzeburg, p. 19-24.

3) Der Name des Ansverus wird vielfach verstümmelt; vom Auctor der Hist. Archiep. Brem. ap. Lindenb. p. 84 wird er Assverus, von CONRAD V. HÖVELEN Beschreibung von Ratzeburg p. 12 Ahasverus, und v. Staphorst Hamb. Kirchengeschichte I, 435 Anscherus genannt, doch kommt in allen Legenden und Breviarien der Name Ansverus ohne Abweichung vor. v. Kobbe I, p. 89 ist auch der Meinung, daß eine Stelle in Simonii Vandalia apud Westph. mon. ined. III, 1548: Hi (Slavi) Anshelmum episcopum Raceburgensum cum canonicis etc. etc. auf den Ansverus, und nicht wie Andere meinen auf den Aristo bezogen werden müsse, was jedoch zu bezweifeln ist. -

4) Wenn es erlaubt ist, hier aus den Umständen auf ein ungefähres Geburtsjahr des Ansverus zu schließen, so würde es ungefähr das Jahr 1040 sein. Gegen manche Angaben der Geschichtsschreiber, (z. B. Petraeus giebt das Jahr der Stiftung des St. Georgsklosters auf 1063 an. cf. Langebeek III, 582 not. m.: Iloc Monasterium An. 1063, 1064 exstrcutum volunt) hat v. Kobbe I, p. 90 hinlänglich dargethan, daß das Kloster schon viel früher errichtet worden ist, und man kann ihm und SCHRÖDER Pap. Meckl. I, 384 wohl glauben, wenn sie mit Übereinstimmung Adam's Brem. III, 222 die Stiftung des Klosters mit der Zertheilung des Oldenburger Bisthums zusammenbringen, also auf 1050 oder 1051. Nun wird aber erzählt, Ansverus sey 15 Jahre alt gewesen, als er nach dem Kloster kam, ferner daß der auf Anrathen des Bischofs Rudolph von Schleswig, welcher von 1038-1060 den Bi-

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schofssitz daselbst bekleidete, nach Ratzeburg gegangen sey. Daraus folgt, daß er zwischen den Jahren 1050 und 1060 nach Ratzeburg gekommen sey. Wenn man nun noch hinzunimmt, daß Ansverus erst die ganze Schule im Kloster durchmachen mußte, ehe er Mönch werden konnte, daß dann noch einige Zeit vergangen sey, ehe er Abt geworden, so erhellt, daß er ungefähr ums Jahr 1040 das Licht der Welt erblickt habe.

5) Die lateinische Legende sagt: Oswaldus pater inter Heidebo, Civitatem Juciae, quae nunc Sleswich dicitur, et Holsatiam commoratus etc. das Officium de S. A.: de civitate Slesvicensi fuit oriundus. Cypraeus Annal. Ep. Slesv. I, c. 19, dagegen (welche Stelle auch v. Kobbe p. 81 citiert) kennt noch 1634 das Haus, wo Ansverus das Licht des Tages erblickt, indem er sagt: in aedibus, quas nunc, quando ego haec ad posteritatem transmitto, Bernhardus Soltaw quaestor Ducatis Gottorfiensis possidet, quemadmodum constanti fama ad nos perlatum est. Bei Westph. III, pag. 269 lesen wir ferner: Ansverus Sleswici natus. Cypraeus nennt ihn: Ansverus Slesvicensis; pag. 121 führt er jedoch aus dem Breviarium Slesv. die Verse an:

Pange terra Holsatiae, nobilis et generosa
Nam de tua progenie prodiit rubens rosa
Ansverus, qui nobiliter ex te generatur etc.

cf. Westph. III, p. 382. CHRISTIANI I, p. 231 verbindet beides und nennt ihn einen SCHLESWIG-HOLSTEINISCHEN Edelmann.

6) Die deutsche Legende: mith zodaner vornamicheit begyfftiget, dat he vele ryddermatesche guderhande manne in sinen leengudern hadde. Die lateinische: tanta excellentia fuit praeditus, ut plurimos milites et militares armigeros, more vasallico, suis possessionibus infeodaret, also

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ein reicher Baron, einer der principes civictates nach Tac. Germ. Sein Adel wird viel erwähnt, nobilibus parentibus, festivam geneologiam duxit, utpote de patre nobili, milite strenuo etc. Ferner nobili prosapia: o Ansvere, vir nobilis; was ghebaren van eddelen olderen u.s.w. Wie man leicht einsehen kann, erlosch mit Ansverus sein adliges Geschlecht. cf. Christiani I, p. 231.

7) Die Legende: van loflikeme unde gudeme stammen, unde van gudeme levende, yn deme cristene loven se tosamende ere levent voreden. Das Officum: Ansverus - secutus parentum vestigia etc. Hieraus geht hervor, daß Ansverus Eltern BEIDE Christen waren, was kaum nöthig wäre zu bemerken, aber doch hier, erwähnt werden muß, weil auf der oben erwähnten, in der Ratzeburger Domkirche noch befindlichen alten Bildertafel das erste Bild die Überschrift hat: ANSVERUS REISET VON SEINEN heidnischen ELTERN. auch in des Ganzen Überschrift steht: Ansverus, WELCHER ERST EIN HEYDE GEWEST u.s.w. - Für die in der ältern Geschichte dieses Landes weniger Bewanderten ist zu bemerken, daß westlich von einer etwa vom Ausfluß der Bille zur Stecknitz und Swentine gezognen Linie (limes Saxonius), welche die westliche Gränze des Slavenlandes ausmachte, SACHSEN (Alt-Sachsen, Old Saten, Holsaten, Holsten [daher Holstein]) wohnten, welche schon von Karl d. Gr. unterworfen, und, was von der fränkischen Herrschaft unzertrennlich war, zum Christenthum geführt worden waren. Das Land hieß Nordalbingien. Die kirchlichen Verhältnisse wurden von Hamburg aus geleitet, wo der Sitz eines Erzbisthums war, das durch die Thätigkeit und den Ruhm des ersten Erzbischofs Ansgarius (831) besondere Bedeutung erhielt. Gegen Norden reichte die Gränze Nordalbingiens

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unter den Carolingern wohl nur bis zur Eider. Unter den Sächsischen Kaisern aber wurde dieselbe weiter ausgedehnt, und namentlich legte Otto d. Gr. zu dem neu gestifteten Bisthum zu Oldenburg (in Wagrien) auch noch die Stadt Heidebo (oder Schleswig) hinzu. Doch scheint bald nachher Schleswig der Sitz eines eigenen Bischofs geworden zu seyn. In dem Officium de S. Ansv. heißt es Lect. I: Ipso namque tempore - Sleswick civitas Saxonum Transalbianorum, quae sita est ia confinio Danici regni, opulentissima atque populosissima etc.

8)
Daß Ansverus auf den Rath des Bischofs Rudolph von Schleswig nach Ratzeburg gegangen sey, erzählt Cypraeus Annal. Ep. Slesv. I, c. 19,
doch scheint es nur eine Erklärung der etwas dunkeln Legende zu seyn. Langebeck III, p. 581 not. I, sagt geradezu: Cypraeus - ex suo addit, Ansverum hortatu Rudolphi Episcopi Slesvicensis Raceburgum profectum esse.

Rudolph war der achte Bischof von Schleswig und wurde 1038 von Bezelinus Hildebrand, dessen Capellmeister er früher gewesen war, dahin gesandt. Unter seinem Episcopat wollte Adalbert von Hamburg sein Patriarchat stiften. Er starb im Jahre 1066.

9) Wenn Langebeck bei dieser Gelegenheit bemerkt, daß nur in den Acten und Breviarien über deu Ansverus es aufbewahrt und bemerkt sei, daß das Kloster vor Ratzeburg dem heil. Georg geweiht gewesen sei, so scheint er daran, als an etwas Ungewissen zu zweifeln; doch scheint uns der noch bis auf unsere Zeit erhaltene Name des ST. GEORGSBERGES und der ST. GEORGSKIRCHE, welcher Name sich auch auf der Bildertafel in der Domkirche findet, ein hinlängliches Zeugniß dafür zu sein.

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10) Die Legende sagt: de dar den yeunen de ene myldeliken bydden, gyfft beide mynschlike unde gotlike wetenheit, so vele ene nutte is to wetende.

11) Bei Estph. mon. ined. III, p. 269 finden wir eine Abbildung des Ansverus, wo auch die Ruthe zu sehen ist.

12) Ausdrücklich wird sein vultus amabilis und sein favor caritativus bei Langebeck III, p. 592 erwähnt.

13) Cf. Adam Bremens. lib. III, c. 22: Tunc etiam per singulos urbes Coenobia siebant Sanctorum virorum canonice viventium, item Monaehorum atque Sanctiomnialium, sicut hi testantur, qui in Luibice, Leontio, Aldinburg, Racisburg et in aliis civitatibus singulas viderunt. Über die Zeit der Stiftung vergl. Anm. 7).

14) Vergleiche oben Not. 1) d.

15) Daß das Schloß Ratzeburg damals schon erbaut gewesen sei, bezweifelt v. Kobbe. I. p. 76.

16) Cf. Legenda: Quanta igitur gaudia, quantus ibi jubilus, ubi lux spiritualis, quae piis martyrum mentibus se infuderat, ad praeparandum passioni eorum animas, etiam corporalibus oculis ad corroborandam fidem intuentium et compatientium se corporaliter ingerebat.

17) Merkwürdig ist der Zusatz der Legende: quasi Dei adipe et pinguedine saginatum. Die deutsche Legende hat dafür: recht yft he were ghesalvet mit der vetticheit Gades.

18) Vergl. die Legende: in quadam crypta saxea Monasterii, quod ipse inhabitaverat. Die deutsche Legende: in eyn uthgehouwen graff van stene in eyne klufft in der kerken, dar ere kloster was. v. Kobbe pag. 69 meint, daß Ansverus wahrscheinlicher auf dem Kirchhofe vor dem Kloster, wo ein Stein sein Grab bezeichnet habe,

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als in der Kirche selbst, begraben worden sey, weil, wie er sagt, die Kirche, wenn sie gleich als die älteste im Lande angeführt würde, damals wohl der allgemeinen Verwüstung nicht entgangen sey. Er schließt dies aus einem Fragment, welches Cuperus aus dem Appendix der Legende citirt hat, wo es ungefähr folgendermaaßen heißt: Es geschah aber, daß, als der Tag und die Stunde der Translation der Gebeine des Ansverus bekannt gemacht war, ein blinder Mann, welcher Trost suchte, die Zeit der Ausgrabung zu beschleunigen suchte. Deßhalb ging er langsam und träge, wie es die Blinden zu thun pflegen, nach dem KIRCHHOFE der St. GEORGSKIRCHE u.s.w.

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Becker, Ansverus, unpaginiert



Abbildung:
Abschließende
Schmuckseite


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