Zacharias Conrad von Uffenbach





 

Titelseite des ersten Teils und Autorenporträt



Merkwürdige Reisen
durch Niedersachsen Holland und Engelland

Zweyter Theil    Mit Kupfern
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Ulm 1753
auf Kosten Johann Friederich Gaums
 

[Text auf Seite 10 oben: Ende des Kapitels über Mölln] [...] Als wir ein wenig gespeiset hatten, fuhren wir um drey Uhr von hier auf




Ratzeburg, eine starke Meile,

allda wir etwas vor fünf Uhr ankamen, als man eben die Thore dieser Vestung schliessen wolte. Man ließ uns, bis unsere Post-Pässe erstlich auf der Hauptwache, und dann von dem Commendanten gesehen worden, wohl eine Stunde warten, worüber wir uns, weil es kalt war, zimlich ärgerten. Wir logirten auf dem Markte bey Herrn Amtmann Clasen.

Den 6. Morgens besahen wir erstlich den Dom, der wohl das Allermerkwürdigste allhier ist. Er liegt am Ende der Stadt auf einer kleinen Höhe, und gehöret dem Herzog von Mecklenburg-Strelitz, wie dann der Herzog gegen über auf dem Dom-Platz ein zimli-

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ches Haus hat, darinnen ein geheimder Rath wohnet. Vor dem Hause her gehet eine Mauer, an welcher mit grossen Buchstaben stehet: Von GOttes Gnaden Adolph Friedrich, Herzog zu Mecklenburg, etc. der es wohl wird haben erbauen oder renoviren lassen.

Wieder auf den Dom zu kommen, so ist es ein zimlich hoch und groß Gebäude, von gebackenen Steinen aufgeführet. Der Küster zeigte uns erstlich bey dem Eingange den Ort, da eine Stuck-Kugel einem Soldaten das Bein in der Dänischen Belagerung vor etlich und zwanzig Jahren hinweg genommen. Man hatte auf die Höhe um den Dom zwey Batterien gemacht, davon aber nur die eine gebraucht worden. Die Häuser sind alle durch Bomben in die Asche geleget worden, ausgenommen der Dom, und einige wenige Gebäude. Jedoch ist auch dem Dom grosser Schade geschehen, der zu repariren über tausend Reichsthaler gekostet haben soll. Eine Bombe hat oben durch das Gewölbe nieder, und einem Soldaten, der sich an diesem Pfeiler in einen Stuhl niedergesetzt, den Kopf abgeschlagen, da uns der Küster noch die Merkmahle auf der Erde, und unten an dem Pfeiler zeigte. Fast in der Mitte der Kirche gegen das Chor zu ist ein grosser Balken oder Durchzug von Holz, darauf mit goldenen Buchstaben die Worte aus der 2. Petr. 2,24. stehen: WELCHER (nemlich Christus) UNSERE SÜNDE SELBST GEOPFERT HAT AN SEINEM LEIBE AUF DEM, AUF DASZ WIR DER SÜNDE ABGESTORBEN, DER GERECHTIGKEIT LEBEN. Ein Ungewitter und Donnerstral hat aber alles ausgelöschet, daß nichts davon als

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die Worte: Christus .... hat .... leben, alleine stehen geblieben. Der Herr Präpositus hat es etliche mal wieder wollen repariren lassen, es hat aber kein Gold annehmen wollen. Das ist sonder Zweifel der Eigenschaft und Natur dieses Donnerstrales und Schwefels zuzuschreiben, wiewol der Küster ein rechtes Miracul davon machte. Auf der Erde liegen hin und wieder viele Grab-Steine von Bischöffen und Canonicis, unter andern ein sehr grosser von WIPERTO BLICHER, von welchem uns der Küster, welcher sehr gelehrt thate, und ein alter Studiosus Theologiä gewesen seyn mußte, als etwas besonders erzehlte, daß, als er erwählet worden, er nur achtzehen Jahr alt gewesen, deßwegen er Dispensation zu Rom holen müssen; als ihm aber der Pabst, weil er gar zu jung war, solche nicht geben wollen, seye er in einer Nacht vor Betrübnis ganz grau worden, worauf der Pabst gesagt: GOtt hat dich alt genug gemacht, und gezeiget, daß du Bischoff seyn sollest, worauf er auch Bischoff worden, allein nur vier Jahr regiert. Der Küster versicherte uns, daß solches CRANZIUS umständlich erzehle, und sagte, daß er aus selbigem und andern Scribenten die Historie hiesiger Bischöffe zusammen getragen, und drucken lassen wolte. Wir konnten die Jahrzahl und Umschrift von ermeldtem Leichen-Stein nicht lesen, dieweil die Helfte desselben mit den Kirchenstühlen bedeckt war, welche gewiß in den meisten Kirchen viele verdecken, und den Liebhabern verdrießlich sind. Nach dem wiese uns der Küster auf der Seite in einem kleinen Gewölbe oder Capelle einen kleinen viereckigten Stein, darunter

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Herzog Herzog Ericus IV. von Lauenburg begraben seyn soll, weil er im Bann gestorben, und deßwegen nicht zu den andern Herzogen, deren allhier sonsten vierzehen begraben liegen sollen, in die Gruft gesetzet worden, davon auch CRANZIUS Meldung thun soll.

Fast gegen über dieser Capelle an der Mauer des Chors ist eine gemalte Tafel, auf welcher in etlichen kleinen Feldern die Historie des Heil. Ansveri, so zuerst Bischoff allhier gewesen, abgebildet ist. Erstlich wie er noch als ein Heyde von seinen Eltern Abschied nimmt. Nach dem wie er unter einem Baum ein Gesicht siehet, dadurch er vermahnet wird, den Christlichen Glauben in dem gleich auf dem Berge hier gegen über liegenden Closter anzunehmen, davon man noch die kleine Kirche haussen vor dem Dom gegen über liegen siehet. Im dritten ist vorgestellt, wie er sich bey den Patribus meldet, und ein Mönch wird; im vierten, wie ihn in der Kirche in Beyseyn der Brüder das Kind JEsu zu einem Bischoff machet, und ihme die Mütze aufsetzet; im fünften, wie er Bischoff zu Ratzeburg wird; im siebenden, wie er als Bischoff prediget; im achten, wie er die Wenden bekehret; im neunten, wie er Anno 1066. mit achtzehen Brüdern eine Stunde von hier bey Buchholz von den Heydnischen Wenden zu tode gesteiniget wird, woselbst er auch am Lübeckischen Fußsteig begraben liegen soll, wie noch das daselbst aufgerichtete steinerne Creuz anzeiget. Im zehenden ist zu sehen, wie man seinen Cörper suchet, und von den andern Todten nicht unterscheiden können; im eilften, wie sie nach einer gesche-

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geschehenen Offenbarung die erschlagene Cörper alle in das Wasser werfen, und der seinige allein oben schwimmmend geblieben; und im zwölften ist endlich vorgestellt, wie er ordentlich begraben wird. Oben drüber war mit neuer Schrift und güldenen Buchstaben obermeldte Historie kurz beschrieben, die aber die Kälte nicht zuließ, auch eben der Mühe nicht werth war, abzuschreiben.

Gleich gegen über an der Wand, nicht weit vom Creuzgang, ist ein steinern Epitaphium, eines VON STRAHLENDORFF, an welchem unten ein Todten-Kopf abgebildet ist, aus welchem drey Waizen-Aehren wachsen, so verguldet sind, und weil sie sehr natürlich und wohl gemacht, das Wahrzeichen des Doms seyn sollen. Nach dem sahen wir oben auf dem hohen Chor erstlich die schöne in Stein gehauene Tafel, so vor diesem der Altar gewesen seyn soll. Sie ist etwa drey Ellen hoch, und vier breit, und hat zwey Thüren von Kupfer. Es ist die ganze Passion so künstlich, als ich jemalen etwas gesehen, in Stein gehauen und gemalt. In der Ecke ist das Richthaus abgebildet, daran nicht allein ein künstlich Fenster oder Gegitter ist, sondern man siehet noch hinter demselben ein Männgen, als wenn es oben die Stiegen herunter käme. Das steinerne Grab, da Christus hinein geleget wird, ist wohl bald einen Schuh tief ausgehöhlet, wie wir mit unsern Stöcken gemessen. Das Volk, so der Creuzigung zusiehet, stehet doppelt hinter einander, und man kan doch die Gesichter alle wohl sehen. Die drey Marien sind erstlich bey dem Ausführen nach der Schedelstätt, zweytens bey dem Creuz,

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und und drittens bey dem Grab sehr wohl gemacht, und gleichen einander alle dreymale sehr wohl. Es ist gewißlich ein vortreffliches Kunststück. Unter der Tafel stehet: Diese kunstreiche schöne Passion-Tafel ist aus einem Stein gehauen. Ganz unten lieset man einen grossen Fluch angeschrieben gegen diejenige, so diesen Stein oder Tafel versehren oder verderben würden, den aber die Kälte nicht zuliesse, abzuschreiben. Ueber dieser Tafel stehet Christus mit der Sieges-Fahne etwa fünf Viertel-Ellen, und neben ihm über einander die zwölf Apostel, jeder drey Viertel-Ellen hoch von Silber, diese hat HARTWIG VON BÜLOW, Canonicus, hieher verehrt, und sollen vier hundert und funfzig Reichsthaler gekostet haben. Es hatte derselbe, wie auch HERR VON BERKENTIN, ein Gelübde gethan, der Kirche etwas vor fünf hundert Reichsthaler machen zu lassen, davor er dann, wie gedacht, diese Apostel, dieser aber den jetzigen schönen Altar von Alabaster, und braun- und weissem Marmor machen lassen. Weil nun die Apostel nicht das völlige Geld gekostet, hat HERR VON BÜLOW der Kirche noch eine Schuld von funfzig Reichsthalern verehrt, davon nach der Hand der jetzige Cron-Leuchter gekauft worden, so in der Kirche hänget. Obgemeldter Altar aber ist sehr schön, obwolen nicht gar groß. Unten ist das Abendmahl, über diesem die Creuzigung, ganz oben die Sendung des H. Geistes, linker Hand neben die Auferstehung, rechter Hand die Geburt Christi, unten aber auf der rechten Moses, und gegen ihm über Johannes der Täufer mit dem Lamm, beyde in Lebens-Grösse.

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Linker Hand des Altars an der Wand in der Höhe ist ein schönes Epitaphium von Alabaster Herzogs AUGUSTI von Sachsen-Lauenburg, davor er nebst seiner Gemahlin in Lebens-Grösse kniet. Gleich darneben ist das Epitaphium Herzogs BERNDT (oder Bernhardi,) Churfürstens zu Sachsen, das nur ein blosser Schild mit dem Chur-Sächsischen Wappen ist, oben mit einem alten Helm darauf, dabey die Jahrzahl 1342. stehet. Gleich unser [sic!] diesem Schilde hänget das Gemälde von der Sünderin Maria Magdalena, mit dem Todten-Kopfe, und gegen über eben dasselbe mit der Verzweifelung an einem Tische, worauf das Crucifix ist, weinend sitzend. Diese beyden Stücke hat Herzog CHRISTIAN LUDWIG von Mecklenburg vor 500. Reichsthaler in Italien erkauft, mitgebracht, und anhero verehrt. Nachdem sahen wir ausserhalb am Chor an der Maur das Epitaphium des Herrn HARTWIGS VON BÜLOW, der, wie oben vermeldt, die Apostel verehrt, und A. 1639. verstorben ist. Es ist von Stein schlecht gehauen, und die Historie von der Erhöhung der Schlangen in der Wüsten darauf. Oben steht auf beyden Seiten sein Symbolum: Mein Trauren hat Ursach, welches Symbolum er wegen einer Fräulein, mit der er sich versprochen, die aber mit einem andern davon gegangen, genommen haben soll. Hinten auf der Canzel stehet der erste hiesige Lutherische Prediger UHLERUS in Stein gehauen. Unter der Orgel siehet man etliche Wappen von einigen Domherren.

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In dem Gewölbe bey dem Ausgange der Kirche stehet ein alter verguldeter Wagen, der zur Heimführung einer Herzogin von Lauenburg gemacht worden; selbiger siehet sehr alt und wunderlich von Form aus. An dieser Thüre oder Eingang in die Kirche ist auch eine kleine steinerne Tafel, darauf mit verguldeten alten Buchstaben folgendes von Fundation des Stifts zu lesen ist: Anno millesimo centesimo 44. 3tio idus Aug. fundata est ecclesia Cathedralis Raceburgica ab illustriss. Principe Henrico Leone, Duce Bavar. & Sax. inf. orate pro Eo. Und dieses ist, was wir in dieser Kirche sehen können. Ich fragte zwar bey dem Küster, ob nicht bey derselben eine Bibliothec, oder doch zum wenigsten einige Bücher vorhanden wären; allein er betheurte, daß gar nichts da seye, welches mich um so viel mehr verwunderte, weil ich in Herrn SCHLOPKENS Chronic der Stadt Bardevic Th. I. C. 14. da er von der Zerstörung der Stadt Bardevic handelt, folgendes gelesen: Das Kirchen-Geräthe aber, als Rauchfässer, Kelche, Glocken, Schellen, Meßgewandte, NB. Bücher, ja gar die Fenster aus den Wänden wurden alle von hier nach Ratzeburg in den Dom, den HENRICUS neulich allda gestifftet, selbigen damit auszuzieren, transferirt. Herr SCHLÖPKE allegirt auf dem Rande Meibomium und Schurzfleischii res Meklenburgicas 18. [...]

[Die folgenden Textpassagen haben keinen Bezug zum Ratzeburger Dom.]

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