REGIERUNGSBAURAT [ERICH] BRÜCKNER, NEUSTRELITZ


Der Ratzeburger Dom

[Mit unpaginierter Bildbeilage. - Die Druckqualität der Fotografien
ist nicht geeignet für eine Vergrößerung, wird daher nicht angeboten.]




Ratzeburger Dom
Südseite vor der Wiederherstellung
Aufn. Staatl. Bildstelle


Das Wahrzeichen des Landes, dem diese Sondernummer gilt, ist der Ratzeburger Dom. Ein Wort zu seiner Würdigung nimmt seinen dreifachen Ausgang von der  Zeitgeschichte, der Kirchengeschichte, der Kunstgeschichte.

Die Zeitgeschichte bei der Gründung des Bistums Ratzeburg zeigt unser Volk auf einem Höhepunkt seiner Lebenskraft. Damals dehnte sich der deutsche Lebensraum nach Süden und Osten aus und der slavische Lebensraum wurde zusammengedrückt. Drei große Ströme deutschen Volkstums brachen hervor: Im Norden die Niedersachsen längs der Ostseeküste; in der Mitte, von Brandenburg und Meißen aus vorstoßend, Franken und Thüringer; im Süden die Bayern und Schwaben in die Donauländer sich ergießend.

Von diesem Ausweiten des deutschen Lebensraumes sind auch die Kämpfe zwischen Deutschen und Wenden, die dreihundert Jahre hin und her wogten in unserer engeren Heimat ein Teilausschnitt.

Heinrich der Löwe brach die Tore im Osten auf: zum Entscheidungskampf flutete mit unwiderstehlicher Kraft das Heer der Ritter und Reisigen, deutsche Bauern und Kaufleute, unerschrockene christliche Missionare über das Neuland dahin. Es war eine Zeit voller Wagemut, voll Trotz und heldischen Geistes, voll aufjauchzender, überquellender, urgesunder niedersächsischer Lebenskraft, aus der heraus der Geist dieses Baudenkmales geboren wurde.

Welch’ einen Eindruck mußte der Wende von diesen steinernen, wuchtigen, feierlichen Bauten empfangen, die nun von den in unaufhaltsamer Kraft vordringenden Deutschen in sein Waldland hineingerodet wurden, wenn er seine vergänglichen Holzhauten damit verglich: diese himmelstürmenden Dome und wehrhaften Kirchenbauten, mit ihrem Glockenhall weithin über Seen und Wälder, mit den feierlichen farbenprächtigen Processionen und Handlungen! Die Kirchenbauten sind der sichtbare Ausdruck der schlechthin überwältigenden andringenden deutschen Kultur, die Zusammenfassung der innersten Kräfte, die aus ewigem Urgrunde kommen und voll Himmelssehnsucht aufwachsen.

Der Dom ist "das Haus". Mit seinen in allen Kriegsstürmen nicht umzuwerfenden überstarken Mauern und den andächtig darüber gefalteten Gewölben umschließt er wie ein heiliges Gsehäuse die Gemeinde, die durch Jesus Christus in Lebensverbindung mit dem ewigen, unnennbaren Gott gebracht ist und damit in Verbundenheit mit der einzig dauerhaften überzeitlichen Wirklichkeit inmitten einer zur Vergänglichkeit bestimmten, sich abwärts entwickelnden, zeitlich gebundenen Welt. Dieser Ewigkeits-

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Ratzeburg
Dom=Inneres

Aufn. Staatl. Bildstelle



zug und die Himmelssehnsucht sind die gestaltenden Kräfte im Kirchenbau.

Als die christliche Kirche sich vor die Aufgabe gestellt sah, am Anfang ihrer Entwicklung dem lesensunkundigen Volk einen Begriff vom Evangelium Jesu Christi zu vermitteln, mußten alle Künste dazu mithelfen; die bildenden Künste, Musik, Drama und kultische Handlung, alles wirkte auf das eine Ziel hin, die Herrscherin aber ist die Architektur, die Baukunst, die alles zusammenfaßt.

Die altchristliche Kirche stellte dem Baumeister diese Aufgabe: Schaffe mir Räume als Abbild des Heilsweges: Den offenen Vorhof, durch Säulenhallen von der Welt getrennt, aber doch noch von dem Lärm der draußenliegenden Welt nicht ganz abgesondert. Es ist der Bußhof für die im Gewissen schwer belasteten, der Ort der noch nicht Getauften, der Armen und Bettler. In der Mitte des Hofes fließt der Reinigungsbrunnen. Alle, die das Schiff, die Arche der Geretteten, die Kirche (Karke) betreten wollen, müssen erst durch diesen Vorhof des Leidens und der Taufe hindurch, vorbei an den zeitweilig ausgeschlossenen Büßern; den Werdenden; den Armen, die zur Nächstenliebe Veranlassung geben.

Ist der Vorhof ein Bild des irdischen Leides, so das Innere des Kirchenraumes ein Bild des Paradieses. Er bringt dem, der im Vorhof des Leides den Schritt zur Wiedergeburt nicht gescheut hat, nun den iiberwältigenden Eindruck der Gewißheit der Erlösung und läßt ihn in eine völlig andersgeartete überirdische Welt blicken, völlig abgeschlossen von dem Alltag, allem Erbärmlichen und Gemeinen draußen; voller Harmonie, Kraft, Ruhe, Schönheit, stiller Heiterkeit. Aber auch hier im Innern noch ein Wachsen, ein Zwang zum Vorwärtsschreiten, die Räume werden heiliger, je mehr man sich dem fernen Zielpunkt, der Altarnische nähert; alle Linien in dem langgestreckten Raum laufen perspektivisch in diesem einen Punkt zusammen, dem Opfertisch des Altars, auf dem in der Messe das Opfer am Kreuz von Golgatha für die Gemeinde in der feierlichen Zeremonie des Abendmahls wiederholt wird.

Die altchristliche Basilika hat auf der vorstehend kurz angedeuteten Grundlage den Weg für den gesamten Kirchenbau des Mittelalters gewiesen. Auch der Ratzeburger Dom ist ein Entwicklungsglied dieser Kette in einer allerdings anderen, nordischen Umwelt und Sprache, in einem anderen kirchengeschichtlichen Zeitabschnitt.

Die kirchengeschichtlische Entwicklung von der altchristlichen Urgemeinde aus und ihrer, die antike Kultur von innen heraus völlig revolutionierenden neuen Lebensgemeinschaft mit dem auferstandenen und erhöhten Christus war immer mehr der abwärts gleitenden erdbedingten Linie gefolgt. Im Laufe der ersten sechs christlichen Jahrhunderte war sowohl die Einzelgemeinde wie das Episkopat der anfangs nebeneinander gleichgeordneten Bischöfe immer mehr veräußerlicht und verwildert.

Erst die von dem Kloster Cluny im germanischen Herzogtum Burgund aussgehende Reinigungsreform, welche durch Freiheit von jeder weltlich-politischen Verquickung den Dienst der Kirche Christi und ihren Ewigkeitsruf an die Menschheit mit ganzer Entschiedenheit verwirklichen wollte, gab dem christlichen Ideal des Mittelalters lebendige Gestalt. Mit tiefem sittlichen Ernst, mit germanischer Lehnsmannentreue an den Herzog und Heliand Jesus Christus und seinem überweltlichen


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Reich floß ein starker Strom verinnerlichten geistigen Lebens und Sehnens durch aller Herzen.

Ihren Ausdruck fand sie wie in großen Taten so auch in den gewaltigen Domen des Mittelalters voll Ernst und Kraft, voll Feierlichkeit und Sehnsucht. Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit! Die deutschen Dome sind das sichtbare Amen auf diesen Lobpreis Gottes: Ja! es soll also geschehen. Aus dieser Geistesbewegung heraus, welche mit der Großtat der kolonialen Expansion in ursächlichem und gleichzeitigem Zusammenhang steht, ist auch der Ratzeburger Dom geboren.

Es war der Bischof Evermodus, den Heinrich der Löwe als ersten geistlichen Würdenträger und Bauherrn nach Ratzeburg berief, ein direkter Schüler Norberts, Stifters des Prämonstratenser Ordens, einer der zahlreichen Orden, die nun nach den Mönchsregeln der Cluniacenser gegründet wurden. Er leitete den Dombau des großen Sachsenherzogs, den dieser am 11. August 1154 gegründet hatte, ganz von diesem Geiste des germanischen Protestantismus ergriffen. Der ganze Ernst und die Strenge jenes verinnerlichten Strebens, das Ewigkeitserleben, der Bußernst und die stille Fröhlichkeit des Geborgenseins sind auch in unserm Dom verewigt, die Steine reden.

Neben dem Staatsmann und dem geistlichen Würdenträger, die für die Baugeschichte des Ratzeburger Doms entscheidend waren, möchten wir nun auch zu einer kunstgeschichtlichen Würdigung den eigentlichen Baumeister gerne kennen lernen: Sein Name ist unbekannt! Dieser Subjektivismus ist dem Mittelalter anfangs völlig unbekannt: es schafft kollektivistisch. Die Gemeinschaft des Volkes, die Ordensregel schafft und regelt. Der Einzelne tritt zurück. Der Baumeister der darnaligen spätromanischen Zeit fand für den Kirchenbau ein in Grundriß und Aufbau festgelegtes Schema vor: die dreischiffige Pfeilerbasilika, im gebundenen System gewölbt, mit Langhaus, Querschiff und Chor. Natürlich ist dieses Schema landschaftlich verschieden durchgeführt und bei der unaufhaltsamen technischen Durchbildung in dauerndem lebendigen Fluß. Aber nach fester schulmäßiger Regel hat im ganzen Abendland, bis nach Afrika übergreifend,




Ratzeburg, Dom
Nördl. Querschiff mit Nebenchor
Aufn. Staatl. Bildstelle

[Die Abbildung zeigt den heute durch eine große Grabplatte
zugestellten/verdeckten zeitweiligen Zugang zur Sakristei des Doms.]


jeder Baumeister sich dieser straffen Zucht der Kirche einzufügen. Wenn auch so im Großen wohltätig gebunden an die Erfahrung der Vergangenheit und zeitgenössischen Gegenwart, so fand doch auch die Persönlichkeit noch Freiheit genug zu schöpferischem Handeln. Gerade zu dieser Zeit mußten im Kolonialland der norddeutschen Tiefebene aus dem neuen heimischen Material des Backsteins neue Ausdrucksformen im Kleinen wie im Großen geschaffen werden. Natürlich waren den Baumeistern, bei den internationalen Beziehungen des Abendlandes, die oberitalienischen Backsteinmotive, seit der Römerzeit fortlaufend, bekannt; und niederländische Ziegeltechnik.
Aber das Wesentliche unserer norddeutschen Backsteinkunst ist an den Bauaufgaben unseres Landes gewachsen. Unser Baumeister des Ratzeburger Domes lebt diesen Zwang zu Neubildungen mit großer schöpferischer Freude und einer erstaunlichen Beweglichkeit des Geistes aus. Wer den Dom im Innern betrachtet, wird kaum bemerken, daß die gebundene große Form in der Einzeldurchibildung von Pfeilerkante, Sockel und Kapital ununterbrochen neue Lösungsmöglichkeiten versucht. Der vierte Band der Mecklenburg-Strelitzschen Kunst- und Geschichtsdenkmäler wird zeigen, wie bei den


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beiden gegenüberliegenden Pfeilern in der Mitte des Langhauses die "dänische Kante", östlich davon alle Kanten auf "sächsische" Art, westlich davon die verfeinerte "lübische" Kante, im Turm die einfachere "Kantonierung" planmäßig zur Anwendung gekommen ist. Entsprechend werden in jedem stilistischen Ausdrucks-Abschnitt (zeitlich nicht weit auseinanderliegcnd) immer wieder andere Profile und Formen in Basis und Kapitäl ersonnen; in dem etwas älteren Ostabschnitt noch ganz ohne Rücksicht auf das Backsteinformat in sächsischer Hausteinarchitektur große Terrakottablöcke formend, bis dann allmählich eine Gliederung ausgebildet wird, bei der jede Backsteinschicht ihr in sich geschlossenes Profil zu der größeren Form beiträgt, die Scharrierung des Hausteins aber immer noch festhaltend. Es ist jedem, der sich die Freude machen will, dieses Baudenkmal aus großer deutscher Zeit kennen zu lernen, höchst reizvoll, den unbekannten Baumeister seiner Persönlichkeit nach aus seinem Schaffen heraus zu entdecken, nicht nur aus seinen Einzelheiten, sondern auch aus der großen Form der Raumgestaltung - was immer das Wesen der Baukunst ist - und aus seiner technischen Meisterung des Problems der Einwölbung der Räume. Wie er da seine eigenen neuen Wege geht im Wetteifer mit den Dombaumeistern von Lübeck und Braunschweig, kann hier nicht weiter ausgeführt werden, weil noch an Hand der Abbildungen auf einiges hingewiesen sei.

Ein Vergleich von Mittelschiff und Seitenschiff zeigt uns die wundervolle Ueberlegenheit in kraftvoller Harmonie im Seitenschiff. Hier kommt die Kraft der Pfeiler, die Ruhe der romanischen Rundbogen wie sie sich perspektivisch stetig aneinanderreihen, ungestört zum Ausdruck. Vor dem perspektivischen Zielpunkt der Apsis durchbricht die Helligkeit des hohen Querschiffes das Dämmerlicht der Gewölbe-Reihe davor. Im Hauptschiff, etwas später eingewölbt, ist aus konstruktiven Gründen schon der Spitzbogen eingedrungen; allerlei Veränderungen im Fußboden und Hinzufügungen, der kurze Abstand bei nur drei Jochen in Langhaus, die moderne Ausmalung, und manches andere beeinträchtigen die Raumwirkung dieses engen, schmalen, ruhelos drängenden Hauptschiffes.

Ein Meisterstück, hehr und herrlich, ist die Südansicht des Domes! Seine Harmonie beruht nicht wie bei den Tempeln Griechenlands in dem edlen Gleichmaß und der absoluten Einheit von Säulenreihen. Es ist vielmehr die Schönheit des Organismus. Die Freiheit der einzelnen Baukörper voller charakteristischer Selbständigkeit fügte sich der höheren Ordnung und Harmonie des Organismus freiwillig ein. Die klare Gruppe von Innenräumen, gleicherweise das Werk des nordisch gebundenen Verstandes wie des die Massen abwägenden künstlerischen Gefühls, ist in allen Teilen voll kerngesunder Triebkraft, fortwährendem Wachsen, sie ist szenen- und gestaltenreich wie die sich drängenden Bilder jugendfrohen mittelalterlichen Geschichte. Nun aber ist alle diese Harmonie nicht ästhetischer Selbstzweck, die Raumgruppe ist so geworden, weil die Kirche dem Baumeister die Aufgabe gestellt hatte, Gottes Heilsplan und den Weg von dem Sacrament der Taufe bis hin zum Abendmahl, von der Vorhalle bis zur Altarnische sichtbar darzustellen. Links im Bilde steht breit und ruhig die Vorhalle, ein Glanzstück der spätromanischen Backsteinkunst. Weil der Berg zu klein war, und die Örtlichkeit es erforderte, steht sie nicht westlich in der Längsachse, sondern mit diesem eigenwilligem Achsenknick senkrecht dazu hier an der Südseite vor dem zweitürmig angelegten, dann aber eintürmig fortgeführten Westbau. Ruhig führt die große Linie des Dachfirstes, von dem Dachreiter des Messeglöckleins über dem Anfang des hohen Chors keck unterbrochen, über die Vierung hinüber bis zu der halbrunden Apsis. Das Querschiff stellt mit seinen senkrecht gesteigerten Proportionen das harmonische Gleichgewicht zu Vorhalle und Turm her. In der Mitte des Seitenschiffes steht harmonisch der frühgotische Kapellenanbau der Herzöge von Lauenburg. "Paarweise gedoppelt" ist das Band der Einheit, das in allen Einzelteilen wiederkehrt.

  Vieles wäre noch zu sagen,
  Mußt das Bauwerk selber fragen.
  Off’ne Augen, kluger Sinn
  führen Dich zur Quelle hin.
  Große Zeiten, große Taten
  können Dir, mein Deutschland, raten.

 







Hier die Vorlage der Transkription, in Frakturschrift, auch zum Download: