Richard Haupt: Aus: "Kurze Geschichte des Ziegelbaus und Geschichte
der deutschen Ziegelbaukunst bis durch das zwölfte Jahrhundert"
 



Kapitel 4: Die Zeugnisse und die Zeugen

Unterkapitel 4 e: Ratzeburg  und Anschließendes
 

Der Ratzeburger Dom 1) wird mit Recht als die Krone der romanischen Ziegelbauten gerühmt (Abb. 45). Zugleich wird er, zumal nach seiner gegenwärtigen zurechtgeschobenen Erscheinung und wegen der am Gewölbe auffallend sich bemerkbar machenden Spitzbogen 2) 3) als ein Werk des Übergangsstils betrachtet. Die Zeit seiner Vollendung wird sich nicht feststellen lassen; aber begonnen ist der Bau, nach der alles Zutrauen verdienenden Inschrifttafel, am 11. des Augusts 1154. Heinrich der Löwe hat ihn gegründet.


1) Bau- und Kunstdenkmäler in der Provinz Schleswig-Holstein. 1886 bis 1890 und 1924 und 1925. 6 Bände. Zitiert als: "BD ...". - BD. 6, 79, 15. 19
2) BD. 6, 62, 4.
3) Haupt, Richard: Die Vizelinskirchen. Kiel 1884. Neue Ausgabe Plön, 1888, S. 81 ff.


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Er kann nicht ganz mit demselben Rechte wie die anderen guten Zeugen unserer Reihe die Stelle als fünfter behaupten. Denn er ist kein legitimer Sprößling der in Wagrien erwachsenen, zu Lübeck ausgebildeten Kunst. Die geschichtlichen Umstände, unter denen er erwachsen ist, geben volle Klarheit.

Er ist angelegt an einer Stelle, die Heinrich, Graf von Ratzeburg, auf der Insel im See dafür anzuweisen hatte. Der Herzog hat es als eigene Aufgabe betrieben, die Erbauung, Förderung und Ausstattung zum Abschluß zu bringen.

 


 

45 Der Dom zu Ratzeburg, nach einer Lithographie der Mitte des 19. Jahrhunderts. Links: Oberteil des Bischofshofes. Seitdem (1880 u. 1893) geändert: der Turm (Dach und Gesimse), der Dachreiter, neu, jetzt über der Kreuzung. Verschwunden das niedere got. Seitenschiff, das got. Fenster am Querhause, das kleinere Portal an der Vorhalle.

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Der Grundplan (s. Abb. 46) ist, nur um ein Joch kürzer, der gleiche, nach dem der Herzog auch den Dom zu Lübeck und, nach seiner Heimkehr 1173, seine Hofkirche St. Blasii zu Braunschweig hat erbauen lassen. Die Ausführung zu Lübeck konnte er mit Vertrauen seinem Freunde dem Bischof Gerold in die Hände geben, und in der großen aufstrebenben Stadt hat der Überfluß an Kräften nicht gefehlt. Zu Ratzeburg nichts dergleichen. Arbeiter mochten aus Wagrien aufgeboten werden; vielleicht war das nötig, da der Plan, auf Haustein zielend, nur mit den Mitteln der jungen Ziegelbaukunst ausgeführt werden konnte. Doch nahm man zum Mauern nicht den Segeberger


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46 Der Dom zu Ratzeburg 1:400. Aus einem Risse des 19. Jahrhunderts. Die äußeren Seitenschiffe sind 1880 entfernt, auch sonst einiges geändert, drei Portale vermauert

 



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Gips, sondern beschaffte sich den gewohnten Kalk. Über den Ziegelbau wußte der erste Bischof Evermod genügend Bescheid. Er hat selbst 1154 den Erbauer der Kirche von Neumünster, des gewaltigen Backsteinbaus, dort begraben, und der allgeschäftige Volchart lebte damals noch. So haben die nächsten Mittel des wagrischen Ziegelbaus zur Verfügung gestanden, und es ward nach dessen bewährter Art ver-

 


47 Inneres des Domes gegen Osten gesehen
 

fahren: mit der Herstellung der trefflichen Ziegel in den festen Maßen, dem bestimmten Verbande ohne Füllwerk, den Friesen von Kreuzbogen und Rauten, und strenger Einhaltung der Scharrierung. Doch in dieser zeigt sich ein neuer Geist, etwas Angelerntes, Ängstliches, Manieriertes andeutend. Man konnte sie leichter als mit Hammer und Meißel mit dem Messer, oder Spachtel, am noch nassen Batzen


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ausführen und das Messer hat auch sonst an den Stücken seine Dienste getan. Und in einer Menge von einzelnen Zügen drängen sich nun fremde Elemente herein. Diese sind zugleich Zeichen der Tätigkeit eines lebhaften, nach Mannigfaltigkeit strebenden Geistes. Dieser war von den wagrischen Kunstformen in nichts abhängig. Wohl aber zeigen sich in allen Abweichungen die Einwirkungen der hoch entwickelten sächsischen Baukunst vom Harze. Natürlich ist nicht das Ganze zugleich fertig gemacht worden. Am ältesten ist, wie mehrfach, der östliche Teil, Chor mit Apsis und Querhaus. Dann folgte aber die Aufführung des Westteiles, des Turmbaus, für den Quer- oder

 

 




48 Beide westlichste Arkadenbogen der
südlichen Reihe, der eine spitzbogig






49 Nordwestliche Ecke der Vierung.
Eines der beiden Doppelfenster;
in einem stehen 2, im andern
3 Säulen hinter einander



Doppelturm (der jedoch nicht hochgeführt worden ist; er erhielt später einen Einzelturm über das Zwischenhaus). Endlich geschah im Innern die Ausführung der noch fehlenden Doppeljoche des eigentlichen Schiffes. Bei dieser zeigte es sich, daß man sich ein wenig vermessen hatte, und einer der an den Turmbau anstoßenden Arkadenbogen konnte nur in gespitztem Bogen ausgeführt werden (s. Abb. 48). (Ähnlich war es zu Ringstedt, und in Sachsen selbst zu Marienberg d. i. Helmstedt.) Der bewegliche Geist des Meisters zeigt sich merkwürdig genug im Wechsel der Profile. So herrscht am


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Ostteile außen und innen durchaus jener alte strenge sächsische Viertelstab zwischen je zwo Kanten als RandprofiI (s. Abb. 42). Das ist ebenso auch in dem nächsten Schiffsjoche, ja an der nördlichen Wand noch etwas weiter. Im Turmteile dagegen ist die Profilierung einfacher; da ist nur je eine Kante, die Gliederung der sog. Kantonierung; zum Teile genügen hier auch rechteckige Kanten. In den beiden mittleren Jochen des Schiffes aber wunderliche Lust der Abwechselung. Die Zwischenpfeiler des östlicheren Joches zeigen das Profil, das bei den Dänen eine besondere Bedeutung gewonnen hat, nach dem sich vor die Kante, sie in sich bergend, ein Rundstab gelegt hat, und dann folgt durchgehend das lübische, aus dem sächsischen vereinfachte. Noch gibt es andere merkwürdig selbständige Züge: an der

 



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Bogenfries an der Apsis
 


Apsis einen abschließenden Fries aus breiten Rundbogen (Abb. 50), und mehrfach aufsteigende Rundstäbe, statt Lisenen, obwohl sie sich mit den Gesimsen schlecht vertragen. Solche sind besonders auch am Stolze des Ganzen, der reich geschmückten Vorhalle (Abb. 45 f.), die zugleich der jüngste Teil des Domes ist. Sie ist in ihrer Weise das Vorbild, oder eher die Anregung des unvergleichlichen Paradieses am Lübecker Dome. Jetzt als Kapelle erscheinend hat sie mitten die das Gewölbe tragende gegliederte Stütze, die beiden Portale daher in der Achse der beiden westlichen Kreuzgewölbe. Das zeigt sich etwas störend darin, daß die innere Flucht der mächtig starken Turmwand damit nicht harmoniert. Außer dem sehr reich gebildeten äußeren Portale hatte die Südseite der Vorhalle noch ein zweites, fast ebenso weites, die Offenheit der lichten Halle mit bedingendes. In die Ostwand ist eine Apsisnische eingetieft, in der, wenigstens zu



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Zeiten, ein Altar der hl. Jungfrau Platz fand. Die Giebelseite geschmückt durch einen reichen Sockel, der auch, rechteckig darüber gezogen, das Portal umfängt. Darüber ein reiches Quergesimse, und am Giebel viele aufsteigende Rundstäbe, und etwelche Rosen, die Fläche aber in Ährenverband ausgefüllt. An den verschiedenen Giebelschrägen laufen die Kreuzbogenfriese schräg hinauf, statt gestaffelt aufzusteigen. Letzeres findet sich auch am Dome zu Lübeck; in allem übrigen ist dies alles der wagrischen Baukunst fremd. So selbst der Ährenverand, bei dem wir uns erinnert sehen an das musivum Studium, in dem sich bereits des hl. Bernwards Baulust zu Hildesheim erging. Und die Einfassungen der Fenster der Nebenschiffe, in Wagrien unverbrüchlich einfach geschrägt, sind hier bereichert gewesen durch einen rechteckigen Einsprung. Namentlich aber läuft in solchem Rücksprung meistens ber Umlaufstab um, der in Portalen schon gebräuchlich war.

Kurz, wo sich Eigentümlichkeiten finden, weisen sie auf die Herkunft vom Harze hin, und auf Verbindung damit. Und das ist ja ganz natürlich. Der braunschweigische Herzog gab, wie für den Ausbau des Lübecker Domes, eine jährliche Summe für den Ratzeburger, welcher Anweisung 1173 bei der gleichen Gelegenheit gedacht wird. Der Bischof Evermod ist 1178 gestorben. Er hatte schon, der Überlieferung nach, den Leichnam des hl. Ansverus, Abtes zu Ratzeburg, der 1066 gesteinigt war, in den Dom bringen und da beisetzen lassen. Er selbst fand nun hier sein Grab. Und zwar war sein Grab im südlichen Seitenschiffe, das demnach, obwohl ein so untergeordneter Teil, schon geweihten Boden darbot. Von der romanischen Ausstattung sind noch wenige, doch sehr bedeutsame Teile übrig: die prachtvolle Kreuzgruppe (auf Abb. 47) und Stücke des berühmten Chorgestühles. Wenn Heinrich der Löwe, nachdem er Bardewiek samt den Kirchen zerstört hatte, 1189 unserem Dome alles kostbare, darunter die Kelche und Bücher, und auch Glasfenster, zugewiesen hat, so mag man es für wahrscheinlich halten, daß man hier dafür Bedarf hatte; doch ist damit weiter nichts bewiesen.

Aber noch haben wir einen Blick auf das Gewölbe des Domes zu werfen (s. Abb. 47). Es hat, mit seinen Spitzbogen, für die Datierung seine besondere Rolle zu spielen gehabt und gibt Anhalt, das Alter des Ganzen herabzudrücken. Daß hier, bei der Weite der Spannung, der primitive Spitzbogen angewandt ist, ist nur zweckmäßig.


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Hier ergibt sich für die Erkenntnis eine gewisse Schwierigkeit. Der maßgebende Plan verlangte echte Kreuzgewölbe. Also für das ganze eine durchlaufende Tonne, geschnitten von ebensolchen Kappen mit geraden Scheiteln. Diese Anordnung ist auch befolgt, nur daß im Turmbau (wie auch in der Vorhalle) die Kappen im Anschluß an die Wände eine leichte Busung zeigen. Es herrscht aber eine grundsätzliche Abweichung von der im Dome zu Lübeck befolgten Gestaltung. Daselbst sind die starken Gewölbe keine eigentlichen Kreuzgewölbe, sondern mehr kuppelförmig, durch kräftige rundbogige Gurte von einander getrennt. Diese Gestaltung ist überhaupt für die romanischen Backsteinbauten maßgebend, und das System ist hier zu Ratzeburg für die Gewölbe der Nebenschiffe befolgt. Hier ist über jedes der quadratischen

 



51 Eine Pfeilerkante


Joche eine recht flache Kappe gespannt. Im Obergadem ist das Kreuzgewölbe maßgebend. Die Vierungsbogen teilen es in Quadrate. Aber es sind auch im Langschiffe Gurte untergespannt, allerdings ohne Verbindung mit dem eigentlichen Gewölbe. Bei diesem ist auf sie nur in der Weise Rücksicht genommen, daß allemale da, wo darunter der Gurtbogen ist, die Tonne unterbrochen erscheint und in einer recht unordentlichen Weise aussetzt. Das Gewölbe ist einen Stein stark, an den östlichsten, ältesten Teilen sogar noch etwas stärker, was sich in eigentümlicher Weise durch die Art des Verbandes ergibt. Es ist das alles unzweifelhaft dem romanischen Bau zuzurechnen. Daß für das Gewölbe ein primitiver Spitzbogen zur Anwendung kam, war zweckmäßig, und ist so auch zu Braunschweig.


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Folgerichtig ist aber auch, daß die Vierungsbogen gespitzt sind; rundbogig ist nur der Apsisbogen, wegen der halben Kuppel. Und so sind denn auch die Gurte unbedenklich, und ganz entschieden, spitzbogig. Diese Form hat einem Baumeister keinen Anstoß gegeben, der sogar dem einen der Arkadenbogen den Spitzbogen zugeteilt hatte. Daß es nun aber überall hier so gewaltsam in die Erscheinung tritt, bestimmt den gesamten Eindruck im Innern so sehr, daß man meinen kann, einen Bau des Übergangstils zu haben, trotz der Entschiedenheit, in der sich im übrigen der romanische Charakter hervortut (vgl. Abb. 49).

Es ist schwer denkbar, daß man hier zu einer Übereinstimmung der Ansichten gelangen werde, obwohl der Charakter unserer besten Werke des Übergangsstiles so weit von dem unseres Domes absticht. Das Gewölbe hat nicht erst zu unserer Zeit Anstoß gegeben; man hat schon eine allerdings ganz in der Luft hangende Überlieferung, nach der der Dom ursprünglich eine platte Decke gehabt habe, das mittlere Schiff nicht höher als die seitlichen. Das Gewölbe stamme erst vom Ende des Mittelalters, und sei deshalb über die Maßen unordentlich und schlecht 1). Wem es nun so passend ist, der mag es der entarteten Gotik zuschreiben samt dem ganzen Obergadem. Anderseits hat sich Dehio über den Braunschweiger Dom, der ja nach dem Grundsatze das gleiche Gewölbe hat, und deshalb in der Datierung herabgedrückt wird, folgendermaßen ausgesprochen: „Braunschweig. Neubau durch Heinrich den Löwen 1173 bis 1195. Der Hauptsache nach in Einem Zuge, das Triumphkreuz 1194 errichtet. In der Kunstgeschichte Niedersachsens eine wichtige Epoche bezeichnend als erster einheitlich durchgeführter Gewölbebau. Das Gewölbe zieht aus dem gebundenen System die Folgen nur unvollständig. Es ist im Hauptschiff eine Tonne. Leicht spitzbogige Brechung der Wandbogen, geschichtlich bedeutsam als Beispiel für die Entstehung des Spitzbogens ohne französisch-gotische Einwirkung."

Für den Übergangsstil ist dann das Ratzeburgische, und noch mehr das Mecklenburgische, der rechte Tummelplatz. Die Überlieferungen des romanischen Ziegelbaus (s. Abb. 52) werden schnell genug abgeworfen, und nur wenige Bauwerke können ihn noch an sich bezeugen. Die Scharrierung, unverstanden und höchstens eigensinnig von

1) Andere fanden es ausgezeichnet und trefflich; so der kenntnisreiche Architekt Lauenburg, bei Masch, Geschichte des Bistums Ratzeburg. Es ist fest und gut.


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Altgewordenen festgehalten, verwahrloste, um ganz zu verschwinden, und wo eine Bearbeitung für nötig erachtet ward, ward sie durch die Messerung vertreten, die in die Gotik überging.

Wir haben gesehen, daß der Ratzeburger Dom zwar nach der Technik, aber keineswegs nach der Kunstform ein Vertreter und Fortsetzer der wagrischen Errungenschaft ist. Aber für das weitere dürfte gerade er von Einfluß gewordn sein, indem das glanzvolle Beispiel Anregungen gab. Und so finden wir im Übergangsstil Wagriens Formen, die dort vorgebildet waren. Dem aus vier Halbsäulen zusammengebündelten Pfeiler sind wir zuerst zu Segeberg begegnet, und dann finden wir ihn zu Eutin. Aber auch zu Ratzeburg in der Vorhalle, und zwar hier sogleich bereichert durch Dienste, die sich in die Winkel einfügen, wie solche auch in den Fenstern, nicht bloß den Portalen, umlaufen. Die Grundform, mit oder ohne die Dienste, ist dann für das noch fast streng romanische Mölln maßgebend, und es folgt
 





52 Kirche zu Vietlübbe im Bistum Schwerin.
Eine der ganz wenigen in Mecklenburg,
die dem romanischen Stil zugesprochen
werden. Ursprung unbekannt.



Gadebusch, Schlagsdorf, Büchen, Breitenfelde, in Wagrien Altenkrempe, zu Lübeck aber die jetzige Vorhalle des Heiligengeisthauses, in der die Dienste bereits die Form geschärfter Rundstäbe haben, wie sie sich vom Anfange des dreizehnten Jahrhunderts an belegen lassen. Sie ist das bescheidene und schwer mehr als solches erkennbare Überbleibsel eines mächtig angelegten Kirchenbaus 1). Zu Altenkrempe ist die Einfügung der Rundstäbe, zu starkem Unterschiede von Eutin, maßgebend geworden. Auch die runde Lisene hat Aufnahme gefunden; sie ist für uns in der Elbmarsch zu finden, namentlich aber ist sie von den Dänen übernommen, wofür es auf Rügen die Beispiele gibt.


1) BD. 6, 24, 1, 37



 

Aus: Richard Haupt: Kurze Geschichte des Ziegelbaus und Geschichte
der deutschen Ziegelbaukunst bis durch das zwölfte Jahrhundert.
Heide; Heider Anzeiger, 1929. (Kapitel 4 e)