Friedrich Wílhelm Julius Rickmann: Die Domkirche ... (1881)


Diese Publikation (72 Seiten) des Großherzogl. Mecklenburg-Strelitzschen Landbaumeisters
wurde ab 1881 als Halbleinenband und als Broschur angeboten. Auf den folgenden Seiten
erfolgt sowohl eine seitengetreue Wiedergabe des Vorwortes als auch derjenigen Kapitel,
die sich speziell mit der Architektur des Ratzeburger Doms befassen.

Die am Ende des Bandes verzeichneten Druckfehler wurden
im hier wiedergegebenen Text bereits berücksichtigt.
Hinweise/Zufügungen werden durch rote Schriftzeichen kenntlich gemacht.


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Titel
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Vorwort (S. III)
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 Vorwort (S. IV):
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 Vorwort (S. V)
und Inhaltsver-
zeichnis (S. 72):



Fr. W. J. Rickmann

Die Domkirche zu Ratzeburg
in geschichtlicher, architektonischer
und monumentaler Beziehung,
eine Festschrift zur Wieder-Einweihung der Kirche.

Ratzeburg, Max Schmidt, 1881.
 


Vorwort.

Seitdem um die Mitte des 17. Jahrhunderts in der Domkirche zu Ratzeburg verschiedene aus dieser Zeit datirende Renovationen und bauliche Innereinrichtungen [sic!], als die jetzt entfernten Domherrenstühle sowie auch wohl der größte Theil der Gestühle im unteren Schiffraum etc. ausgeführt waren, scheinen in den folgenden beiden Jahrhunderten eingreifende Veränderungen oder Erneuerungen nicht stattgefunden zu haben.

Erst gegen die Mitte unseres Jahrhunderts tauchte die Frage einer umfangreichern Restauration auf; verlief aber dahin, daß in den Jahren 1848 und 49 nur die unerläßlichsten Reparaturen an den Dächern, einzelnen Außenwänden und Fenstern zur Ausführung gelangten.

Die Frage einer gründlichen Restauration, namentlich des Innern ruhte wieder mehrere Jahre, bis sie endlich 1871 ernstlich ins Auge gefaßt und 1876 im Monat Mai in Angriff genommen wurde.

Die specielle Leitung und Beaufsichtigung der nach den Plänen des Baurath Daniel auszuführenden Arbeiten wurde mir übertragen. - Bei der 3 Meilen weiten Entfernung meines Wohnortes, bei dem nicht in Erfüllung gehenden Wunsche, für die Zeitdauer dieser Restaurationsarbeiten, die ihrem Character nach zum großen Theil in Tagelohn auszuführen Waren, einen jungen Architecten zur Aushülfe zu haben, da ich selbst mit anderen Dienstarbeiten

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schon überreichlich bedacht, haben haben sich die Arbeiten durch 5 volle Jahre hingezogen.

Nach Lage der Sache ist meine Betheiligung an diesen Restaurationsarbeiten nur mehr eine mechanische gewesen; dennoch aber war ich bestrebt, diesen alten Bau in allen seinen Theilen, insofern sie Architectur, Construction und Technik betreffen, nicht minder auch seine Geschichte, nach Möglichkeit kennen zu lernen und habe dies mit großer Lust und Liebe betrieben. Die hierbei gemachten Bemerkungen, die daraus gezogenen Schlüsse und so gewonnenen Ansichten wurden damals nur zu meiner eigenen Information, in kurzen Notizen ohne weiteren Zusammenhang gesammelt, und nur bei gelegentlicher Unterhaltung mit Persönlichkeiten, die ebenfalls ein reges Interesse für dies alte Baudenkmal hatten, bei gelegentlicher Debatte über schon lange schwebende Streitfragen, so wie über neu auftauchende, zeigte es sich, daß mauche der veröffentlichten Urteile über die Ratzeburger Domkirche auf Untersuchungen beruheten, die der Grüudlichkeit entbehrten.

Wenn nun in Folge dessen mehrseitig und wiederholt der Wunsch geäußert wurde, diese Notizen in einer kleinen Broschüre vereinigt, durch den Druck veröffentlicht zu sehen, so habe ich mich doch schwer entschließen könuen, das mir so gänzlich undekannte Feld der Publizistik zu betreten, und nur der Gedanke, daß hierdurch über mauche noch dunkle Fragen berufenere Kräfte angeregt werden könnten, Aufklärung herbeizuführen, hat mich veranlaßt, mit diesem kleinen Werkchen als Gelegenheitsschrift zur neuen feierlichen Einweihung der Domkirche, öffentlich hervorzutreten. Für den geschichtlichen Abschnitt habe ich vorwiegend "Masch, Geschichte des Bisthums Ratzeburg", benutzt, und wenn auch der Wunsch rege war, dem Werkchen MEHR bildliche Darstellungen beizufügen, so hat doch aus verschiedenen Gründen hiervon abgesehen werden müssen.

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Den verehrten Leser bitte ich noch, mit dieser kleinen Arbeit Nachsicht haben und berücksichtigen zu wollen, daß dieselbe unter nichts weniger als günstigen Verhältnissen und unter tausendfachen Störungen hat vollbracht werden müssen; ich bin aber schon zufrieden, wenn sie sich auch nur als Wegweiser durch unsern alten ehrwürdigen Dom brauchbar erweisen sollte.

  SCHÖNBERG, den 2. Juni 1881.  
    Rickmann.


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Eingebundene Abbildung.:
Blick ins Hauptschiff nach Osten

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III. ARCHITECTONISCHES.

Bedenkt man, daß das breite und flache Küstenland zwischen Elbe und Oder bis zur Ausbreitung des Christenthums und dem es begleitenden Vorschreiten der Kultur von dem verhältnismäßig noch rohen Heidenvolke der Wenden bewohnt war, daß dieses zur Verehrung seiner Götter wohl möglichst versteckte Dickichte in den Wäldern aufsuchte, der Kirchen und Tempel aber nicht bedurfte, so kann es nicht auffallen, daß größere Kirchenbauten, die vor dem 12. Jahrhundert entstanden, in dieser Gegend fehlen. Erst mit und nach dem Vordringen des Christenthums konnte der Boden zu solchen Bauwerken geebnet werden, und da hier jedes anstehende Gebirge als Sandstein, Granit etc. fehlte, so gelangte der Backstein als Baumaterial entschieden zur Herrschaft.

Zu den Denkmälern vaterländischer Kunst aus dieser Zeitperiode gehört unstreitig auch der Dom zu Ratzeburg, als eins der ältesten und schönsten Bauwerke. Die Grundform der ersten Anlage unserer Kirche war unschwer zu erkennen, soviel dieselbe auch durch spätere, jetzt aber wieder entfernte Anbaue versteckt war. Den Stil derselben wird man als den SPÄTROMANISCHEN zu bezeichnen haben. Das sogenannte lateinische Kreuz mit dem hochgeführten Querschiff ist als Grundrißmotiv unverkennbar und sowohl im Innern als Aeußern möglichst stark ausgeprägt; aus der Basilikaform herübergenommen, erscheint das Mittel- oder Hauptschiff mit den beiden Seitenschiffen. Das Mittelschiff besteht zwischen der Thurmhalle und dem Querschiff aus 3 Quadraten von 8,30 m. i. L., das Querschiff ebenfalls aus 3 Quadraten derselben Weite, von denen das mittlere die sogenannte Kreuzvierung bildet; über das Querschiff hinaus ist dann noch ein Quadrat in der Achse des Mittelschiffes angelegt, welches in einer halbkreisförmigen Schlußwand endet. Die Seitenschiffe haben ungefähr die halbe Weite des Hauptschiffes, so daß auf ein Quadrat des Hauptschiffes 2 Quadrate der Seitenschiffe zutreffen, und erstrecken sich

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diese ebenfalls von der Thurmhalle ab bis zum Querschiff, welch letzteres somit vor die Außenwände der Seitenschiffe hervortritt. Ueber das Querschiff hinaus liegen auf jeder Seite des Mittelschiffes noch 2 Kapellen, vom Mittelschiff durch geschlossene Wände getrennt, nach dem Querschiff aber offen. Auf dem Westende ist die Thurmhalle vorgelegt, ebenfalls dreischiffig mit sehr starken Pfeileranlagen, da ursprünglich vor jedem Seitenschiff ein Thurm gebaut war. Diese Halle ist gegen die Schiffe der Kirche, sowohl Hauptschiff als Seitenschiffe, offen, und vor dieser Tlmrmhalle liegt auf der Südseite noch eine Kapelle, durch welche der Haupteingang zur Kirche führt.

Das Mittelschiff zwischen Thurm und Vierung wird seitlich von Arkadenreihen, auf jeder Seite 6 Pfeiler, eingeschlossen, die in Höhe der Seitenschiffe mit Rundbögen über den Zwischenräumen die hohe Wand tragen, welche bis zum Gewölbe des Mittelschiffes aufsteigt. Die größte Höhe des Mittelschiffes beträgt 17,4 m. Die Hauptpfeiler treten lisenenartig im Innern an der hohen Wand vor, sind bis zur Höhe der Arkadenbögen an den Ecken im Rundstab profilirt, von da ab aber rein viereckig, und oben, wo die Gurtbögen aufsetzen, mit einem ganz einfachen, aus Hohlkehl, Wulst und Platte bestehendem Gesimse versehen. Die Wölbung des Mittelschiffes zeigt einen etwas gedrückten Spitzbogen, die Kreuzkappen sind ohne Rippen auf den Grad zusammengewölbt und die Gurtbögen so zwischen gelegt, daß sie UNTEN HERVORTRETEN, OBERWÄRTS aber nicht die Höhe der Kappen erreichen; vielmehr DAZWISCHEN EINFALLEN. Die Gewölbe der Seitenschiffe zeigen dagegen überall den Rundbogen, und sind die Gurte, wenn auch hier unten hervortretend, doch OBERHALB mit den Kappen gleich hoch. Auch diese Kreuzgewölbe sind ohne Rippen auf den Grad geschlossen. So wie die Gewölbe des Hauptschiffes sind die des Querschiffes, der Kreuzvierung und der Thurmhalle construirt; der östliche runde Abschluß des Mittelschiffes zeigt ein Kugelsegment von 4,30 m. Radius. Die Gewölbe der über dem Querschiff hinaus gelegenen beiden Capellen sind mit einem spitzbogenförmigen Tonnengewölbe geschlossen.

Die südlich der Thurmhalle vorgelegte Capelle ist mit 4

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Kreuzgewölben überspannt, die in ihrem gegenseitigen Berührungspunkte durch eine reich profilirte Säule getragen werden. Der Grundriß dieser Säule zeigt 4 Kreisbögen, die, aus 4 verschiedenen Mittelpunkten construirt, sich unter stumpfen Winkeln schneiden, und in jeder dadurch entstehenden flachen Vertiefung eine schwache, zu 3/4 hervortretende Rundsäule, als Dienste erscheinend, aufweist. Das Capitell der Säule, unten rund, geht nach oben zu in das Quadrat über, so daß nach allen 4 Seiten ein Dreieck entsteht.

Auf dieser Säule ruhen nun zwar die 4 Gurtbögen; sonderbarer Weise aber stehen diese Gurtbögen mit dem Gewölbe selbst in gar keiner Verbindung, und erscheinen somit rein dekorativ. Bei der jetzt beendeten Restauration fand sich nach Beseitigung des alten schadhaften Deckenputzes, daß überall ein Raum von 1/2 bis 1 Zoll zwischen Gurt und Gewölbe vorhanden war, den auch jetzt wieder der neue Putz der Kappen verdeckt. Die Form des Gewölbes ist auch hier ein etwas gedrückter Spitzbogen.

Daß nach dem ursprünglichen Bauplan der Dom auf der Westseite mit 2 Thürmen geschmückt werden sollte, ist aus der Anlage deutlich zu ersehln; dieser Thurmbau ist auch zum Theil zur Ausführung gekommen. Später aber ist man davon abgegangen und hat die beiden einander zugekehrten Seiten dieser Thürme durch eine westliche und eine östliche Wand zu EINEM Thurm vereinigt, so wie er noch vorhanden.

Die Haupteingangsthüren, sowohl zu der südlich vorgelegten Capelle, als auch von dieser zur Thurmhalle, sind im reinen Rundbogen überspannt, haben rechtwinklich einspringende Laibung, in den beiden inneren Winkeln umlaufende Rundstäbe, die in den Ansatzpunkten der Bögen kleine Capitelle in nach unten abgerundeter Würfelform aufweisen. - Die Eingangsthür zur nördlichen Thurmhalle ist ganz so angeordnet, wie die beiden ebengenannten. Außerdem führten in die Kirche noch 3 weitere Eingänge. Der eine, im nördlichen Arm des Querschiffes, aus dem am Ende des 13. Jahrhunderts erbauten Refectorium, ein anderer, auf der Nordseite, in das Seitenschiff aus einem gewölbten, gegen den innern Hof durch eine offene Arkadenwand abgeschlossenen Gang, zur Verbindung mit dem nördlichen Flügel des Refectoriums. Das Gewölbe

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dieses Ganges ist eingestürzt, und die Thür zur Kirche vermauert. Ein dritter Eingang führt von Süden her unmittelbar in das Querschiff. Letztere drei Eingangsthüren zeigen den Spitzbogeu, und wenn die Laibung der zuerst genannten ganz einfach aus abgerundeten Steinen hergestellt ist, so ist dieselbe an den beiden letzteren reicher gehalten und zeigt den später oft auftretenden birnförmigen Stab.

Die alten Fenster der SEITENSCHIFFE zeigten nach außen einen rechtwinklichen [sic!] Einschnitt, und dann sowohl nach außen als nach innen eine schräg zulaufende Verjüngung ohne Rundstab. Sie waren auf gleiche Abstände von einander vertheilt, und alle bis auf EINS im Rundbogen geschlossen; das Fenster der Südseite, zunächst der Querschiff, war jedoch im entschiedeuen Spitzbogen geschlossen. Bei der jetzigen Restauration, wo sämmtliche Fenster der Seitenschiffe von neuem umgemauert werden mußten, ist auch das Fenster im Rundbogen geschlossen worden, und haben sie sämmtlich den umlaufenden Rundstab erhalten; zugleich wurden die Sohlbänke etwas tiefer gelegt, um mehr Sicht für die Kirche zu gewinnen. 1)

Die Fenster des MITTELschiffes, sowie auch des Querschiffes sind mehr paarweise zusammengelegt, und zieht sich auf diesem schmalen Zwischenpfeiler an der äußern Wandfläche eine Lisene hinauf, die oben unter dem Dachgesims einen, aus sich durchschneidenden Rundbogen bestehenden, Fries aufnehmen. Derselbe Fries findet sich auch unter dem Dachgesims der Seitenschiffe; nicht minder läuft derselbe an den dreieckigen Giebel des Querschiffes hinauf, und auch in der Höhe des Dachgesimses querdurch. Das Querschiff hat nur Fenster in der Höhe des Hauptschiffes mit derselben paarweisen Vertheilung, desgl. die Verlängerung des Mittelschiffes über das Querschiff hinaus. Der östliche halbkreisförmige Abschluß zeigt 3 Fenster, von denen das mittlere etwas größer ist nnd höher liegt.
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1) Auch im Innern findet sich ein Spitzbogen über der ersten Arkadenöffnung neben der Thurmhalle nach dem südlichen Seitenschiff; allein hier findet diese Abweichung dahin Erklärung, daß diese Öffnung zwischen den Pfeilern, vielleicht durch ein Versehen schmaler angelegt war, als die übrigen, und durch dieses Mittel die gleiche Bogenhöhe erreicht werden sollen. Beide Spitzbogen liegen in entschieden altem, ursprünglichen Mauerwerk.

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Die Seiten-Capellen hier haben jede nur EIN Fenster in der Ostwand, etwas größer als die der Seitenschiffe. 1)

In der Thurmhalle befand sich, dem Mittelschiff gegenüber, ein sehr großes Fenster, im Spitzbogen gehalten, das aber wohl in späterer Zeit eingesetzt worden. Durch die Errichtung einer Orgelempore in diesem Teile der Thurmhalle hat dies Fenster größtentheits zugemauert werden müssen; nur unterhalb der Empore sind dafür 4 kleinere Fenster durchgebrochen worden. Auch den Seitenschiffen gegenüber waren alte, ganz kleine Fenster vorhanden; dieselben mußten aber, nach Zumauerung des großen Mittelfensters, bis zur Größe der neuen Seitenschifffenster erweitert werden, weil es in diesem Theile der Kirche zu sehr an Licht gebrach.

Die südliche Eingangscapelle hat paarweise angelegte Fenster, im Uebrigen wie die der Seitenschiffe konstruirt; an der Ostseite, zunächst der Thurmhalle, aber ein einzelnes kleines Fenster in der hier durch Ausscharung erreichten kreisförmigen Nische, wo in alter Zeit vielleicht ein Altar, - oder noch früher - wahrscheintich der Taufstein aufgestellt war. Der nach Süden gekehrte dreieckige Giebel dieser Eingangscapelle ist reicher verziert. Vom Gurtgesims, dem bekannten Bogenfries, steigen 9 halbrunde Lisenen auf, von denen die 3 äußeren jederseits in den  schräg aufsteigenden Bogenfries verlaufen, die 3 mittleren dagegen auf eine Kreisrosette treffen, über welcher noch ein kleines Kreuz erscheint. Die Wandflächn zwischen den Lisenen sind in aufwärts laufenden Zickzackstreifen verblendet.

Die beiden nach Nord und Süd gekehrten Außenwände der ursprünglichen Thurmanlagen sind nur bis zur Höhe des Hauptschiffes hinaufgeführt worden, und schließen hier beiderseits mit einem Pultdach gegen den Thurm ab und haben Steinbedachung. Der Thurm selbst, (ca. 46,00 Meter hoch) hat ein sehr steiles Satteldach; mit wenig einfallendem Walmen, und ist theils mit Kupfer, theils mit Schiefer gedeckt. Das Dach des hohen Schiffes, durchweg mit Schiefer gedeckt, trägt einen schlanken Dachreiter aus
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1) Diese Fenster fanden sich bei einer vorzunehmenden Reparatur im Jahre 1848 schon im Spitzbogen ausgeführt vor, und wurden damals nur mit neuen Rippen versehen; jetzt aber sind sie im Rundbogen geschlossen worden.

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späterer Zeit mit Kupferdeckung, der aber nicht über der Vierung, sondern über dem nächsten nach Westen gelegenen Gewölbejoche sich erhebt. In ihm befindet sich die Uhr, und hängen hier die ältesten Glocken, von denen die eine die Jahreszahl 1411 trägt. Die Dächer der Seitenschiffe (Pultdächer) sind mit gußeisernen Facettplatten eingedeckt. Die südliche Eingangscapelle hat ein Pfannendach.

Das Material, aus welchem der Dom erbaut worden, besteht aus einem schönen festen gelblichen Backstein. Sämmtliches Mauerwerk, soweit es untersucht werden konnte, besteht durchweg aus demselben Material; mit Kalk und Steinbrocken im hohlen Innern ausgefüllte Mauern haben sich nirgends gefunden. Der zum ältesten Mauerwerk verwendete Kalkmörtel hat eine hellgraue, fast weiße Farbe und ist von solcher  Festigkeit, daß größere Mauerstücke beim Zertrümmern sich nicht in den Fugen lösten, vielmehr die Brüche immer durch die Steine gingen. Es war daher eine sehr mühsame und zeitraubende Arbeit, Fensteröffnungen zu vergrößern, oder im alten Mauerwerk Verzahnungen für neu Anzufügendes einzustemmen.

Die ältesten zur Verwendung gekommenen Formsteine sind vielfach mit dem Meißel nachgearbeitet, sie zeigen deutlich die feinen Riffel und haben ganz das Ansehen von, wie die Steinmetze es jetzt nennen, GESTOCKTER Arbeit; später angewendete dagegen zeigen diese Riffel nicht, haben auch in der Regel eine mehr ins rothbraune übergehende Farbe, besitzen etwas weniger Festigkeit und zeigen die Bruchstellen ein wesentlich anderes Gefüge. In solchen Mauertheilen findet man auch einen andern Mörtel, mehr graublau, oft kleine Kohlenpartikelchen enthaltend, woraus man schließen möchte, der Kalk wäre mit Holzasche vermischt worden. Letzteres findet sich namentlich bei Bauteilen, die aus dem 14. und 15. Jahrhundert stammen mögen, während bei noch späteren wieder der Mörtel mit reinem Sandzusatz erscheint.

Kam Evermodus nun auch schon 1154 in sein [sic!] Bisthum an, und war es bestimmt, daß auf der Insel hinter dem Schlosse Ratzeburg (es lag auf der schmalen Erdzunge zwischen der jetzigen Stadt und dem St, Georg) die Domkirche erbaut werden sollte,

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so verging gewiß doch noch eine Reihe von Jahren, bevor mit dem Bau wirklich begonnen werden konnte. Fanden sich unter den Begleitern des Bischofs auch Männer, die den Bauplan entwerfen und feststellen, auch den Bau selbst zu leiten vermochten, wie solches aus damaliger Zeit mehrfach nachweisbar, so mußte doch vor Allem für Baumaterial Sorge getragen werden; es mußten Ziegeleien und Kalkbrennereien errichtet und zum Betriebe dieser die nöthigen Arbeitskräfte gesucht und herangezogen werden, wenn auch das Rohmaterial in der Nähe vorhanden war. Daß auch die ersten Werkleute zur Ausführung des Baues von auswärts kamen, erscheint dadurch als wahrscheinlich, daß in den ersten Anfängen des Baues die profilirten Steine und selbst die Steine, womit die rechtwinkligen Einschnitte gemauert wurden, mit dem Meißel bearbeitet sind; die Arbeiter also auf Verwendung von Bausteinen mehr geübt waren. Es dürfte deshalb nicht zu viel gesagt sein, wenn für die Zeit vom Beginn bis zur ersten Fertigstellung des Baues ein Zeitraum von 50-60 Jahren als erforderlich angenommen wird.

Ob aber der Bau in seiner ganzen Ausdehnung, mit Thurmanlagen, den 3 Schiffen, dem Kreuz und dem östlich davon liegenden Abschluß, (mag es auch im Plane gelegen haben), ohne Unterbrechung gleichzeitig zur Vollendung kam, dürfte doch fraglich sein. Was dann ferner die hiermit in Verbindung gebrachte Gleichzeitigkeit der Gewölbe und die Erhöhung des Mittelschiffes betrifft, so möchte dies wohl bestritten werden können, so bestimmt auch dem entgegenstehende Behauptungen aufgestellt worden sind.

Architect J. F. Lauenburg äußert sich hierüber in Masch, Geschichte des Bisthums Ratzeburg S. 749 so: - "die Sage, daß die Gewölbe des Hauptschiffes erneuert worden (Masch, das. S. 382) schien durch die nach dem Spitzbogen geformten Gurtbögen der Gewölbe bestätigt zu werden, allein eine genauere Untersuchung gab andere Resultate. - Alle Beweise weiter auszuführen, wäre hier nicht am Platze; es leidet aber keinen Zweifel, daß die jetzt vorhandenen Gewölbe gleichzeitig mit der Kirche aufgeführt sind, an eine Erweiterung derselben also nicht zu glauben ist." Es ist

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schade, daß für diese Behauptung aber auch gar keine Beweise erbracht sind, nicht einmal ein Versuch dazu gemacht worden.

Lisch dagegen (in den Mecklenburg. Jahrbüchern XI. S. 420) sagt, "daß die jetzt vorhandenen Gewölbe gleichtzeitig mit der Kirche aufgeführt seien, sei unglaublich, ja unmöglich, das lehre schon der erste Anblick. Alle Spitzgewölbe sind so unregelmäßig und leichtfertig angesetzt, daß sie unmöglich nach dem Grundplan des Baumeisters haben ausgeführt werden können, wenn man noch zur Zeit des Rundbogenstiles eine Wölbung im Spitzbogen annehmen wolle, wie auch wohl behauptet sei. - Ein solcher Zwiespalt und eine solche Unsauberkeit, wie sie die Hauptgewölbe des Ratzeburger Domes zeigen, sind aber in der Geschichte der Baukunst unerhört, und es ist wenigstens das außer Zweifel, daß zur Zeit des Rundbogenstiles die Rundbogengewölbe mit Rücksicht auf die Höhenverhältnisse und die Lage und Größe der Fenster sehr sauber und sorgfältig angesetzt sind, was im Ratzeburger Dom doch auch nicht der Fall sei.

Betrachtet man nun den Dom mit specieller Rücksicht auf diese Gewölbefrage genauer, so ergiebt sich zunächst, wie auch schon angeführt worden, daß die Ecken der lisenenartig in der oberen Wand des Hauptschiffes vorliegenden Verstärkungen der Hauptpfeiler nur bis zur Bogenhöhe der Arkardenöffnungen im Rundstab gebrochen sind, von da weiter nach oben findet solches nicht statt. Dieser doch anscheinend ganz unmotivirt UNTERBROCHENE Rundstab, findet sich aber nur zwischen der Thurmhalle und dem Querschiff; die die Kreuzvierung flankierenden vier Pfeiler haben diesen Rundstab zwar auch, allein hier läuft derselbe ununterbrochen vom Sockel bis zum kleinen Gesimsgliede zwischen Pfeiler und Gurtbogen hinauf. - Daß und wie die Construction der Gewölbe des Mittelschiffes, ganz abgesehen davon, daß sie den Spitzbogen zeigen, von der der Seitenschiffe, die wohl als die ältesten im Gebäude anerkannt werden müssen, abweicht, ist schon gesagt worden, berücksichtigt man auch, daß die Stärke der hohen Wände im Mittelschiff oberhalb der Arkadenbögen ein wenig schwächer ist als unterhalb dieser Linie, so kann man doch wohl nicht so ganz und ohne Weiteres die Ansicht verwerflich finden, daß das Mittelschiff in der

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ersten Zeit, zu welcher die Kirche zum Gottesdienst in Gebrauch genommen wurde, niedriger war und vielleicht wahrscheinlich mit einer Balkendecke, wenn auch nur für einen kürzeren Zeitraum geschlossen war. Es können sehr wohl Ursachen aufgetreten sein, die hierzu Veranlassung gaben, und da wir romanische Kirchen haben in denen die Balkendecke, selbst bis jetzt, erhalten wurde, während die Seitenschiffe Gewölbe haben, so liegt wenigstens die Möglichkeit sehr nahe, daß auch die Decke des Mittelschiffes im Dom in allererster Zeit aus Holz bestand, um so mehr, da Angaben darüber vorhanden sind, daß zu Anfang des 16. Jahrhunderts unter Bischof Johannes von Parkentin 1) diese Erhöhung des Mittelschiffes geschehen sein soll.

Aehnliches dürfte sich auch gegen die Ursprünglichkeit des Gewölbes über der südlichen Eingangskapelle geltend machen lassen, da hier die Constructionsweise nicht nur von der der Seitenkapellen, sondern auch des Hauptschiffes so wesentlich abweicht, und der Beweis, daß die Gewölbe der Seitenkapellen neben dem Hochaltar aus späterer Zeit stammen, möchte daraus hervorgehen, daß diese beiden Capellen in der Zeit, zwischen der ersten Erbauung und der jüngst vergangenen, in sofern eine andere Grundform hatten, als die Ostwand in einem Halbkreis herumgeführt war. Diese früher einmal vorhandene Andersgestaltung der östlichen Abschlüsse ist wohl zum ersten Male bei der jetzt beendeten Restauration des Domes entdeckt worden, und daß diese Form NICHT die ursprüngliche gewesen, geht daraus hervor, daß zur Einbindung dieser kreisförmigen Mauer in die Wände des Mittelschiffes große Verzahnungen eingeschlagen waren, die auf der südlichen Seite noch deutlich erkennbar, während bei einem gleichzeitigen Bau beider Wände eine solche mangelhafte Verbindung undenkbar erscheinen muß.

Im alten ursprünglichen Bau sind demnach VIER verschiedenartige Gewölbe-Konstructionsweisen sehr deutlich unterscheidbar, und wenn auch die alten romanischen Baumeister eine Bewunderung hervorrufende Gewandtheit besaßen, dem Detail verschiedene Formen zu geben, so haben sie diese Kunst doch wohl weniger auf die Con-
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1) MASCH S. 382.

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structionsweise so wichtiger Bautheile, als die Gewölbe jedenfalls sind, ausgedehnt; diese Kunst dürfte erst in den herrlichen Spiegelgewölben des späteren Spitzbogenstiles zu suchen sein.

Der erste ANBAU der Domkirche ist das Refectorium, dessen Bau im Jahre 1259 unter Bischof Ulrich begonnen wurde. Dasselbe erstreckt sich vom nördlichen Kreuzarm ab in der Richtung nach Norben auf 46 m Länge bei einer Tiefe von 15,5 m. Dann springt es im rechten Winkel nach Westen um in Länge von 30 m und 16,3 m Tiefe, worauf es weiter in nord-südlicher Richtung sich durch den schon erwähnten, früher gewölbten Gang der Kirche wieder anschließt. Dieser Gang hat eine Breite von 6 m. Im Refectorium herrscht im Allgemeinen schon der Spitzbogen vor, wenngleich noch einige Rundbögen vorkommen. Durch spätere vielfache Durchbauten, nach den jeweiligen Bedürfnissen ausgeführt, ist der ursprüngliche Charakter hier sehr verwischt worden.

Ende des 14. Jahrhunderts erbaute Herzog Erich von Sachsen an der südlichen Langseite der Domkirche eine Kapelle, und dies wird diejenige sein, die noch vorhanden und auch bei der jetzigen Restauration geblieben ist. Erich starb aber schon, bevor er die Dotation der Vicarie dieser Capelle bestimmt hatte. Dies wurde durch seinen Sohn Erich 1380 nachgeholt. Nach der noch erhaltenen Inschrift ist 1637 in dieser Capelle wohl erst die Empore (bisher die einzige im Dom) eingebaut und die dem Seitenschiffe zugekehrte Brüstung, im späteren Renaissancestil, errichtet worden. Diese Capelle, im Lichten 9 m lang und 3,70 m tief, hat an der südlichen Facade 2 Giebel, ist mit 2 Kreuzgewölben  überspannt und zeigt, außer den beiden Rundbögen in der Kirchenwand, überall den Spitzbogen. Die jetzige Renovation derselben im Innern ist auf allerhöchste Ordre Sr. Majestät des Kaisers vom 5. Februar 1881 durch den Baurath Lohmeyer zu St. Georgsberg ausgeführt worden.

Um die Zeit zu Anfang des 15. Jahrhunderts mehrten sich aber die Stiftungen der Vicarien so, daß im Innern der Kirche es sehr bald an Platz gebrach. Um diesen zu gewinnen, durchbrach man die Außenwände der Seitenschiffe, und errichtete zu beiden Seiten der Kirche ganze Kapellenreihen, die sich von den Thurmhallen bis

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zum Querschiff hinzogen. Die meisten derselben hatten eine Breite von beiläufig 3 m; wobei aber die Kirchenwand, durch Abbruch auf der Außenseite, schon erheblich in den stehen gebliebenen Pfeilern geschwächt ward. Der schwierigen Abwässerung wegen hatten diese Capellen keinen Giebel mit Satteldächern, wie die Capelle des Herzog Erich, sondern man hatte die äußere Wand nur circa 5 m hoch aufgeführt und ein breites Pultdach über Capelle und Seitenschiff wegreicheud angebracht, zugleich aber anch, da die Dächer noch zu flach lagen, die unteren Panneaux der Fenster der hohen Wand des Mittelschiffes vermauert. Um dennoch das Licht nicht allzusehr abzusperren, da die Fenster nur sehr niedrig angelegt werden konnten, so machte man sie möglichst breit und theilte sie durch 2 oder 3 schwache Rippen in 3 oder 4 Lichtöffnungen, oben waren sie in flachen Kreisbogen überwölbt, an den sich die Rippen, in kleine Spitzbögen paarweise zusammengezogen, anschlossen. Auf der Südseite wurden diese Fenster Mitte der Zwanziger Jahre unsers Jahrhunderts durch gußeiserne ersetzt. - Durch die jetzt beendete Restauration sind diese Capellen ganz entfernt und die Außenwände der Seitenschiffe in ihrer ursprünglichen Form wieder hergestellt worden.

Es ist auch die Frage aufgeworfen worden, ob der untere Chor ursprünglich diejenige Höhe gehabt, die er jetzt hat? Diese Frage ist wohl zu verneinen. Wahrscheinlich hat sich der untere Chor ursprünglich nur wenige Stufen über den Fußboden der Kirche erhoben; der hohe Chor dagegen war wohl immer so hoch wie er jetzt liegt. -

Zu Anfang des 16. Jahrhunderts gestattete das Capitel dem Herzog Johann von Sachsen-Lauenburg, 1) seinen Sohn Rudolph im Chor zu begraben und es kann hier wohl nur der untere Chor verstanden werden; darauf aber bestattete Herzog Magnus seinen Vater Johann nach dessen Tode 1507 ebenfalls dort, und später, 1519 auch noch seine Mutter, und ließ zugleich das Grabmal so hoch im Chor aufführen, daß dadurch Unbequemlichkeiten beim Gottesdienst hervorgerufen wurden. Ein hierüber erstandener
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1) MASCH G. d. B. S. 437.

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Streit scheint dahin geschlichtet zu sein, daß der ganze untere Chor so hoch als das Grabmal erhöht und um dies erste Grabmal an dieser Stelle herum Gruftgewölbe für die sächsischen Herzogsfamilien angelegt wurden. Bisher hatten die letzteren zwei Grabcapellen, die Lauenburgische auf der Südseite, die Bergedorfer auf der Nordseite; letztere ist jetzt abgebrochen. - Die wenigen Stufen, um welche der untere Chor sich früher über dem Fußboden der Kirche erhob, lagen vielleicht nach Westen gekehrt, möglich auch, daß dieselben daneben noch auf der Süd- und Nordseite angebracht waren. Bei dieser erheblichen Verlegung des Chors, wodurch die Pfeilersockel auf der dem Mittelschiff zugekehrten Seite ganz verschüttet und vermauert, auch das Querschiff in eben nicht schöner Weise durchschnitten ward, ging der Aufstieg von Westen her verloren und es wurden dafür im Querschiff von Norden und Süden her zwei recht mangelhaft gearbeitete schmale Treppen aus Backsteinen angelegt. Gegen das Herabstürzen von diesem erhöhten Chor ward dasselbe mit einem, von schmiedeeisernen rautenförmig durcheinander gesteckten Stäben hergestellten, Gitter umzogen. Bei der vorgewesenen Restauration mußte, der Gruftgewölbe wegen, von der Wiederherstellung dieses unteren Chores in seiner ursprünglichen Gestalt abgesehen werden, es behielt seine Höhe, bekam aber vier Aufgangstreppen, zwei an der Stelle der alten und zwei auf der Westseite, alle aus schwedischem Granit. Eine eigentliche Gruftkirche (Krypta) hat die Domkirche nie gehabt. Das alte eiserne Gitter kam, in seiner Höhe bedeutend abgemindert, auf der Süd- und Nordseite als Aufsatz auf einen massiven Unterbau, der in der Außenfläche durch kleine Pilaster ornamentirt ist, zur Wiederbenutzung, gegen Westen dagegen ist eine durchbrochene Ballustrade, aus kleinen Säulen mit Rundbögen von gebranntem Thon errichtet worden.

Wenn vorhin die Möglichkeit angedeutet wurde, daß die Domkirche schon vor ihrer planmäßig VOLLSTÄNDIGEN FERTIGSTELLUNG theilweise zur Abhaltung des Gottesdienstes hergerichtet gewesen sein könne, so soll zwar hierfür keinerlei Beweis geführt werden; nur einige Andeutungen mögen gemacht werden, die eine solche Annahme in maucher Beziehung berechtigt erscheinen lassen. Wäre eine solche theilweise Benutzung beim Ratzeburger Dom der

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Fall gewesen, so würde solcher nicht allein dastehen, da es ja beim Dom zu Köln ganz bestimmt der Fall war. Zur Zeit der Erbauung des Domes war die Bevölkerung eine sehr schwache und wenig wohlhabende im Bisthum, und konnte diese daher nur wenig beisteuern. Heinrich der Löwe hatte freilich eine jährliche Beihülfe von 100 Mark Pf. zugesagt (ungefähr 1500 Mark jetzigen Geldes, welche Summe noch mit 8 zu multipliciren ist, wenn wir uns ihren Jetzt-Werth vergegenwärtigen wollen), aber es ist sehr fraglich, ob damit der Bau bis 1180 vollendet wurde. Dagegen ist es höchst wahrscheinlich, daß, wenn der Dom nicht bis zum Jahre 1180 hat fertig gestellt werden können, sein Bau sicher längere Zeit hindurch liegen geblieben ist, denn erstens kamen durch die Aechtung Heinrichs des Löwen dessen Subsidien natürlich in Wegfall, und dann wissen wir auch, wie feindlich der neue Herzog Bernhard dem Bischof Isfridus, dem Freunde Heinrich des Löwen gesinnt war und sicherlich kein Geld für den Weiterbau hergegeben hat. Die später über Bernhard hereinbrechenden Unglücksfälle und seine Vertreibung durch die Dänen lassen annehmen, daß unter diesen wechselnden Verhältnissen die junge Pflanzung in Ratzeburg nicht gedeihen konnte, und der Bau also bis zur Rückkehr friedlicher Zeiten (1226) entweder gar keine oder nur wenige Fortschritte gemacht haben kann. - Untersucht man ferner noch die MAURERARBEIT im Innern des Domes genauer, so muß man zu der Entdeckung kommen, daß sie nicht gleichmäßig ausgeführt worden. An Stellen ist sie peinlich sauber, an anderen dagegen ziemlich oberflächlich und unordentlich; die erstere Arbeit findet sich vorwiegend von der Thurmhalle ab über 2 Joche des Hauptschiffes, und dann wieder in der Kreuzvierung und dem oberhalb derselben gelegenen Joche mit der Concha. An dem Zwischenliegenden fehlt die erkennbare Benutzung des Meißels, und die Ausführung ist abweichend von der übrigen.

Daß um die Zeit der Gründung des Domes die Festigung der christlichen Religion bei den früher heidnisch gewesenen Bewohneru des Bisthums noch ziemlich locker sein mag, ist wohl denkbar, und aus diesem Grunde mußte den Erbauern des Doms daran gelegen sein, baldmöglichst eine Kirche, einen Sammelpunkt für die bekehrten und vielleicht selbst noch für die zu belehrenden

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Heiden zu haben. Daher mag die Vermutung nicht zu gewagt erscheinen, daß ein Theil des ganzen Baues provisorisch für Abhaltung des Gottesdienstes eingerichtet ward, während der übrige Theil successive seiner Vollendung entgegengeführt wurde. Dies angenommen, würde der zuerst in Gebrauch genommene Theil des Domes, wahrscheinlich der gewesen sein, der westwärts vom Querschiff liegt. Dann aber liegt es auch schon näher, daß in diesem Theil das Mittelschiff noch nicht hoch geführt war und zugleich in der Höhe der Seitenschiffe eine vorläufige Balkendecke hatte. Gegen Osten wird allerdings dieser Raum in einer provisorischen Wand seinen Abschluß gehabt haben, die nach der Vollendung des Ganzen wieder weggenommen wurde.

Während der jetzt beendeten Restauration des Domes ist auch die sämmtliche Tünche im Innern entfernt und hat sich hierbei herausgestellt, daß der Dom wie außen, so auch im Innern reiner Rohbau gewesen und daß keine Spur von Malerei zur  Anwendung gekommen. Erst in späterer Zeit ist die Kalktünche aufgesetzt, die sich in vielfachen Lagen übereinander erkennen ließ, und erst hiermit erscheinen die Zickzacke an den Gewölbegraten, die gewundenen Bandstreifen an den halbrunden Ecken der Pfeiler und die übrige Bemalung der Wandflächen. Aeltere Malerei, unmittelbar auf dem Putz, hat sich nur an den Gewölbedecken sowohl der abgebrochenen, als auch der mehrfach erwähnten, gebliebenen Lauenburgischen Kapelle der südlichen Langseite gefunden, bestehend in einer Rosette im Treffpunkte der vier Grate und in einfacher, die Grate begleitenden farbigen Linie, aus welcher rankenartig mit Knöpfen besetzte Bischofsstäbe sich abzweigen. Auf der Nordseite wurde in einer Kapelle unter der Kalktünche eine Wandmalerei auf dem Putz entdeckt, die jedoch schon so zerstört war, daß nur noch farbenreiche Gewandungen von menschlichen Figuren sich erkennen ließen.

Da es unmöglich war, die Kalktünche so rein von dem Mauerwerk zu entfernen, daß auch die Poren und kleinen Unnebenheiten der Steine hiervon befreit und rein gelegt und das Ansehen des alten Rohbaumauerwerks im Innern wieder hergestellt werden konnte, so wurde ein leichter Ueberstrich im Farbenton der

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alten Steine aufgetragen und die Fugen aufgesetzt, die Rundstäbe auf den Ecken der Pfeiler und die Sockel derselben aber in einem rötlicheren Ton gehalten. Die Ansichten der Gewölbegurtbögen sind hierbei reicher in Farben ornamentirt worden und haben die Grate in den Kappen leichte mitlaufende Conturen bekommen. Die Tonnengewölbe in den Nebencapellen am hohen Chor sind gitterartig in Farben gemustert und ebenso die breiten Gurte zwischen den Thurmanlagen. Die halbkreisförmige Wand in der Apsis ist in Teppichmuster gehalten. Die alten, unter der abgekratzten Tünche wieder zum Vorschein gekommenen Consecrationskreuze wurden in den alten Farben aufgefrischt. Eine etwas abweichende Behandlung hat die südliche Eingangscapelle erfahren. Da sich hier, namentlich in der Mittelsäule grünglasirte Steine vorfanden, ist bei der Decoration dieses Raumes die grüne Farbe mehr zur Geltung gelangt, und wo die alten grünglasirten Steine nicht mehr vorhanden waren, ist diese Glasur durch Farbe ersetzt worden.

Sämmtliche Malereien sind nach Angabe des Bauraths Daniel von dem Maler Rieckhoff in Ratzeburg ausgeführt worden.

Glasmalereien oder auch nur die Anwendung von farbigem Glase aus alter Zeit fanden sich nirgends; die sämmtlichen Fenster sind neu eingesetzt. Die 3 in der Apsis und die beiden in den anliegenden Capellen sind von Oitmann in Linnig geliefert, die übrigen haben nur einen umlaufenden Fries aus mattem und farbigem Glase erhalten, und sind hier gefertigt vom Glaser Fermor.

Gegenstände der Kunsttischlerei aus alter Zeit haben sich mehrere erhalten. Hierher sind vor allen zu zählen die Reste der Chorstühle, im romanischen Stil herrlich geschnitzt; sie waren quer durchgesägt und dienten so als Füße zu den Sitzbänken. Jetzt sind sie von Gebrüder Reinhold-Schwerin sehr sauber wieder zusammengesetzt, die fehlenden neu zugefertigt und in der Kreuzvierung aufgestellt. Diese alten Stuhlreste sind vielfach beschrieben und abgebildet (Lenoir, Gailhabaud, Riggenbach etc.) Dann der alte Chorstuhl im gothischen Stil, auf der einen Seite die Wurzel Jesse und Weinlaub, auf der andern einen Bischof mit den Wurzeln eines Eichbaums darstellend. Dieser Stuhl steht auf der

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Südseite im hohen Chor; auf der Nordseite ein ähnlicher aus spätgothischer Zeit, welch letztere durch die daran befindlichen Wappen des  Bisthums und des Bischofs Johannes Proel (1440 bis 1454) bestimmt wird.

Wie in vielen romanischen Kirchen findet sich auch im Dom auf einem Querbalken über dem westlichen Aufgang zum unteren Chor das bekannte Crucifix, hier wohl von hohem Alter; es ist aus Lindenholz geschnitzt, und wenn es auch so mürbe war, daß es nur mit.der größten Vorsicht bei der Renovation behandelt werden konnte, so ist doch wohl nicht anzunehmen, daß es so alt sei als der Dom selbft. Neben dem Crucifix stehen noch die Figuren Maria und Johannes, die sich anderwärts auch noch findenden beiden Engelsfiguren fehlen hier, obgleich man der Raumvertheilung nach annehmen kann, daß sie auch hier früher vorhanden waren. Die Farben, mit welchen dieses Bildwerk bemalt ist, sind mit der größten Sorgfalt aufgetragen, welche bei roth und gelb mit Gold, bei grün mit Silber unterlegt sind, um den Glanz derselben zu erhöhen.

Die Kanzel aus Fichtenholz [korrekt wäre die Angabe: Eichenholz] ist 1576 im Renaissancestil zur Zeit des ersten lutherischen Predigers Georgius Uslerus erbaut, und zeigt an der Rückwand (der Kanzel) das Bildniß desselben. Am Schalldeckel finden sich die Namen der damaligen Mitglieder des Domcapitels. -

Die aus 1648 herrührenden Capitelstühle auf dem unteren Chor sind bei der gewesenen Restauration als störend und keinerlei Kunstwerth enthaltend, beseitigt worden und durch neue ersetzt; die sehr gut geschnitzten Wappen daran sind aber von den alten auf die neuen Stühle übertragen und wieder angebracht worden.

Schon sehr früh, 1282, wird der Orgel in der Kirche gedacht; aber es ist natürlich nicht diejenige, welche jetzt abgebrochen und durch ein ganz neues Werk von bedeutendem Stimmenumfange und mit den neuesten Verbesserungen versehen, ersetzt worden. Die vorige Orgel hatte ihren  Platz auf einem an der Nordseite des Mittelschiffes angebrachten Balken in der Thurmhalle; für die neue ist in derselben Halle eine Empore eingebaut worden, welche die ganze Halle einnimmt. Das Orgelwerk selbst, ein Geschenk

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Sr. Königl. Hoheit des Großherzogs Friedrich Wilhelm von Mecklenburg-Strelitz, ist von dem Orgelbauer Mehmel in Stralsund geliefert und aufgestellt worden.

Die Gestühle im Kirchenraum, einfach aus Kiefernholz gearbeitet und nur gefirnißt, sind von einheimischen Tischlern gefertigt.


IV. MONUMENTALES.


Die Veränderungen, die mit Ende des 16. Jahrhunderts und im 17. im Innern der Domkirche bei Uebergang des bis dahin katholischen Ritus in den evangelisch-lutherischen vorgenommen wurden, und was seitdem zur Verschönerung in derselben geschah, haben fast keine Spur des katholischen Gottesdienstes zurückgelassen. Alle den verschiedenen Heiligen geweiheten Altäre sind verschwunden, kein Sakramenthäuschen, kein Weihkessel ist mehr vorhanden. Einige Altar-Schreine und Aufsätze finden sich zwar noch, die ersteren von ihrer früheren Stelle an irgend einer flachen Wand aufgehängt; von letzteren EINER, SEHR REICH GESCHNITZT AUS SPÄTGOTISCHER ZEIT, DER ES WOHL VERDIENTE RESTAURIRT ZU WERDEN, und dessen Bruchstücke nebst Figuren in einem Raum des früheren Refectoriums niedergelegt sind.

Außer den, schon in der architektonischen Abtheilung erwähnten alten Gestühlen, befindet sich an der Nordwand im hohen Chor ein Schrank, der sog. Apostelschrank, welcher im Innern zum Bodenstück einen Stein enthält, auf welchem in Hochrelief die Leidensgeschichte dargestellt ist; das Ganze ist aus einem Stück gearbeitet, und von hohem Alter und großem Werth - möglichenfalls hat dies Relief früher einem Altaraufsatze angehört. Der Schrank, schon 1634 als alt bezeichnet, wurde damals vom Domdechenten Hartwich von Bülow auf Pokrent renovirt; derselbe ließ das Innere wieder durch die Figuren des Heilands und der 12 Apostel aus getriebenem Silber schmücken, da die alten 1552 bei der Invasion Volrad v. Mansfeld's geraubt worden waren.

Die von H. v. Bülow geschenkten Silberfiguren wurden jedoch in der Nacht vom 24. auf den 25. Januar 1880 wiederum

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gestohlen, die Christusfigur aber glücklicher Weise dadurch gerettet, daß sie außerhalb des zerstörten Kirchenfensters den eilenden Dieben entfiel und in den tiefen Schnee versank, wo sie wiedergefunden wurde.

Der Taufstein, in Kelchform gestaltet und aus Glockenmetall gegossen, stand bisher an dem nördlichen Pfeiler des Mittelschiffes, zwischen diesem und der Thurmhalle, ist aber jetzt nach der südlichen Capelle neben dem hohen Chor versetzt worden. Am Fuße enthält derselbe die Inschrift:

Ano dni MCCCCXL ad honore dei et decore ecclie racebges rend (9) pr. t. dns. Parda (9) eius ecclie epus XX; baptisteriu fieri voluit.

Das Taufbecken ist 1648 von den auf Heinrich Lers' Kupfermühlen auf der Baek beschäftigten Meistern geschenkt worden. Die hölzerne Einfassung der Taufe ist aus späterer Zeit und die Inschrift an dem Becken enthält den Taufbefehl; das Gitter ist jetzt renovirt worden.

Das Andenken an den im Jahre 1066 gesteinigten Abt des Klosters zum St. Georg, Ansverus, erhält sich durch eine große Bildtafel, die jetzt ihren Platz an der Nordwand der nördlichen Kapelle neben dem hohen Chor erhalten hat. Früher stand sie im nördlichen Seitenschiff, Rücken an Rücken mit den dort auf dem unteren Chor befindlichen Domherren-Stühlen. Sie ist beachtenswerth als Gedächtniß-Tafel des früheren hochansehnlichen Localheiligen, stammt aber wohl kaum aus der Zeit vor der Reformation, weil die im Jahre 1576 entstandene Kanzel der Domkirche auf dieser Tafel abgebildet ist.

Von Evermodus (1154) an haben 28 katholische Bischöfe an der Domkirche residirt, der letzte dieser Reihe war Georg von Blumenthal ( 1550); sein Nachfolger, Christoph von der Schulenburg, trat zum evangelisch-lutherischen Glauben über und resignirte 1554. Aber von diesen 28 Bischöfen ruhen nur 25 in der Domkirche, und von letzteren fehlen jetzt bei VIII. Ludolfus; XV. Otto; XVII. Henricus und bei XXIII. Johannes (Preen) die Grabfteine.

Ob diese Gedenksteine überall da, wo sie vor der eben beendeten Neuflurung der Kirche gelagert geweseu, die wirkliche Grab-

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stätte des auf ihnen genannten Bischofs deckten, ist, wenigstens bei mehreren, unwahrscheinlich. Um sie gegen das durch Betreten verursachte Verlöschen der Inschriften und Bilder - welche zu entziffern bei einigen Steinen schon recht schwer fällt, sicher zu stellen, hat man, sowohl durch günstigere Lage als durch Aufrichten an den Wänden diese Steine der weiteren Beschädigung möglichst entzogen.

Die frühere Lage der Steine ist hier als unwesentlich nicht weiter berücksichtigt, aber in "Masch, Geschichte des Bisthums Ratzeburg", genau angegeben und mit leichter Mühe zu finden.

Acht der ältesten Bischöfe haben nur kleine quadratische Grabsteine von etwa 70 cm. Seite erhalten, und diese liegen jetzt auf dem hohen Chor, unmittelbar vor dem Altar. Sie alle euthalten in drei Zeilen nur den Namen und die Ordnungszahl des Bischofs in starker gothischer Miuuskel und sind wahrscheinlich sämmtlich von ein und demselben Meister zu Anfang des 14. Jahrhunderts, oder, nach der Schrift zu urtheilen, noch etwas später fertig gestellt worden.

Es sind folgende:

I.   evermod epus primus
II.   isfridus epus secundus
IV.   henricus epus quartus
V.   lambert (9) quintus epus
VI.   gotschalk (9) sextus epus
VI.   petrus epus septimus
IX.   fredericus nonus epus
XI.   conrad (9) undecem epus

Die übrigen noch vorhandenen bischöflichen Grabsteine sind größer; durchgehends zeigen sie auf der Mittelfläche das Bild eines Bischofs im Ornat, meistens unter reichem Gemäuer stehend mit einer umlaufenden Inschrift, die oben rechts zu Häupten der Figur beginnt.

    Der Stein von Conrads Vorgänger,
X.   Ulricus (v. Blücher) liegt auf dem vorderen Chor und ist der südliche der dort befindlichen drei Steine. Schon sehr vertreten zeigt er nur uoch folgende Inschrift:

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    ANNO DNI MCCLXXXIIII, XVII, KL', FEBR-0' PR. CU', SEDISSET. ANIS. XXIII. MSIB' VI. DIEB' VII.
     
XII.   Hermannus (v. Blücher.) Sein großer, schon sehr vertretener Stein, mit eigentümlicher Schrift, liegt neben der nördlichen Treppe zum unteren Chor, galt längere Zeit für nicht mehr vorhanden, und ist erst jetzt, nach Abbruch der alten Aufgangstreppe zum unteren Chor wieder blos gelegt worden. (Ein Beweis, daß die Erhöhung dieses Chores nicht ursprünglich war, sondern erst später ausgeführt wurde.)
     
XIII.   Marquardus (3) (v. Jesow) Stein liegt am nördlichen Pfeiler der Thurmhalle und war mit eingelegtem Messing verziert, das aber später ausgebrochen und geraubt wurde; er enthält die Umschrift:

Anno domini MCCCXXXV die beati ambrosii obiit venerabilis pater et dns marquardus hujus ecce ep tredecimus pontificatus sui anno XXVI cujus aia p. misericordiam dei requiescat in pace.
     
XIV.   Volradus (v. Dorne) hat seinen aufrecht stehenden Stein in der Außenwand des nördlichen Seitenschiffes neben der Thurmhalle, mit der Umschrift:

Anno dni MCCCLV in die beati severini obiit venerab. pater et dns Volradus hujus ecce ep. qrtus decimus pontificatus sui anno vicesimo primo. or. pro eo.
     
XVI.   Wipertus (v. Blücher). Sein Stein liegt im untern Chor als der nördlichste der dort befindlichen, und hat:

Anno dni MCCCLXVII - - - va nativitatis marie obiit venerabile pater t dns. - - - blucher hujus ecclie episcopus cui (9) aia per misericordiam dei requiescat in pace.
 
     
XVIII.   Gerhardus (Holtorp). Sein Grabstein, der mit jetzt verschwundenem Metall verziert war und sehr vertreten ist, liegt im Fußboden, gleich rechts von der südlichen Eingangspforte in die Thurmhalle.

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XIX.   Im Fußboden der Thurmhalle am südlichen Hauptpfeiler liegt der Stein dieses Bischofs mit der Inschrift:

Anno : dni : MCCCCXIX : intra : octavas : epiphanias : o : venerabilis : pater : t : dns : detlephus : de Parkenthin : epc : decim (9) : nonus : hujus : ecce : pontificatus : sui : anno : XXIIII : cujus : aia : requiescat : in : pace :
     
XX.   Johannes (Trempe). Sein ziemlich großer Stein findet
sich an der Außenwand des nördlichen Seitenschiffes (nahe der Mitte desselben) aufgerichtet. Die Umschrift lautet:

Anno : dni : M : CCCC : XXXI : in : die : evglste : luc : obiit : venerabilis : pater : t: dns : jhes : de : Trempa : epus : raceburgensis : XX : in romano : [c]uria : confirmatus : et consecratus.
     
XXI.   Pardamus (v. d. Knesebeck). Sein Denkstein steht in der Taufcapelle aufgerichtet an der Wand zwischen ersterer und dem Hochaltar mit der Umschrift:

Anno : dni : M : CCCC : XL : sexto : die : mensis : octobris : o : venerabil : i : xro : pater : dns : pardamus : d : Knesebecke : hs : ecce : epc : XXI : i romana : curia : (9) secrat (9) : et : (9) firmatu : c (9) :
aia : in : pace : reqescat :
     
XXII.   Johannes (Prohl). Sein Stein liegt in der nördlichen Capelle neben dem Hochaltar und hat die Umschrift:

Anno : dni : M : CCCC : LIIII : decima septima : die : mensis : martii : obiit : venerabilis : pater : et : dns : Johaes : prohl : huj (9) : ecce : epc : XXII : cujus : aia : per : misericordia : dei : requiescat : in : pace : amen :
     
XXIII.   Johannes (v. Preen). Sein Grabstein war noch zu Anfang dieses Jahrhunderts vorhanden und lag, mit Sand überdeckt, damals in der vorher als Spritzenkammer benutzten Taufcapelle; er führte nach schriftlicher Ueberliefcrung die Umschrift:

Anno : dni : M : CCCC : LXI : in : die : dionisii : o : veabilis : pr : dn (9) : Joh's : preen : h (9) : ecce : epc : XXIII : roe : (9) firmat (9) : et : (9) secratus : c (9) : aia : req : i : pace.

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XXIV.   Ludolphus (v. Raceborch). Der Stein dieses Bischofs ist an der Außenwand des südlichen Seitenschiffes, östlich vom Lauenburgischen Chor aufgerichtet und zeigt die wohlerhaltene Umschrift:

Anno : dni : M : CCCC : LXVI : mensis : januarii die : II : o : R: pater : dns : Ludolphus : ii dus : huius : ecclie : raceburg : epc : XXIIII : cujus : aia : reqescat : in : pce.
     
XXV.   Johannes (Stalkoper). Der Stein steht in der südlichen Außenwand neben dem Eingange zur Wendeltreppe und hat die Umschrift:

Anno : dni : M : CCCC : LXXIX : in : die : mesis januarii : o : felicis : meorie : reverd (9) : i : xro : pr : et : dn (9) : J'hes : Stalkoper : dei : gratia : h (9) : eccle : raceburgensis : ep : XXV : artium : libalium : mgr : medicine : doct (9) : or : p : eo :
     
XXVI.   Johannes (v. Parkentin). Unter dem Epitaph des Peträus, im südlichen Querschiff liegt ein Grabstein, der wahrscheinlich diesem Bischof gehörte. Die Oberfläche des Steins war ehedem mit Metall ausgelegt; der Vandalismus früherer Zeiten raubte das Metall und zerstörte dadurch die Umschrift.

Die Herzöge von Sachsen-Lauenbnrg hatten in alter Zeit zwei Begräbnißcapellen in der Domkirche; auf der Südseite lag die sogenannte Katharinencapelle der Ratzeburg-Lauenburg. Linie, und auf der Nordseite die Capelle der Mölln-Bergedorfer Linie. Aus letzterer hat sich nur der kleine quadratische Gedenkstein des die Linie beschließenden Herzogs Erich III. erhalten, und findet sich in der Außenwand genau an der Stelle eingelassen, wo die nun eingegangene Capelle gestanden hat. Die 5zeilige Inschrift lautet:

Ano. dni. m. CCCCI. cancu t. caci. o. Ericus. dux Saxoniae. senior. i. bergetorpe. o.
 

(Im Jahre des Herrn 1401, am Tage Cancii und Canciani
(31. Mai) starb Erich, der Aeltere, Herzog v. Sachsen in
Bergedorf; betet für ihn!

Ein anderer sich bemerkbar machender Grabstein ist der des Herzogs Johann IV. von Sachsen-Lauenburg auf dem unteren

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Chor. Er zeigt zwei Figuren, einen geharnischten Mann und daneben eine Frau. Die Umschrift ist bereits so abgetreten, daß man nur noch aus einigen Buchstaben den Namen Joh.... entziffern kann. Geschichtlich kann es aber kaum ein anderes Grab sein, als dasjenige, welches Herzog Magnus, Sohn von Johann, 1507 bis 1519 seinen Aeltern errichtete, in Folge dessen der untere Chor zur Ausgleichung des darüber entstandenen Streites zwischen Herzog und Capitel so erhöhet wurde, wie er gegenwärtig ist.

An reicher ausgestatteten Epithaphien fallen in die Augen: das Herzoglich Lauenburgische links neben dem Altar, dem sogenannten Apostelschrank gegenüber, welches durch 2 Hauptfiguren aus Marmor, einen geharnischten Mann und eine Frau, beibe in kniender Stellung betend, und mehrere Nebenfiguren geschmückt ist; und dann das der Familie von Bülow, der Ansverus-Bildertafel gegenüber, in der nördlichen Seitencapelle befindliche. Beide sind gleichzeitig mit dem Altaraufsatze entstanden und von demselben Meister, Gebhard Georg Titge aus Rotenburg gefertigt.

Der große Kronleuchter in der Kreuzvierung stammt laut der daran bcfindlichen Inschrift aus dem Jahre 1674 als testamentarische Schenkung des Domdechanten Hartwig von Bülow; der kleinere in der nördlichen Seitenkapelle ist in jüngster Zeit von der Familie Welter, früher zu Römnitz, gestiftet worden. Die im Schiffe der Kirche befindlichen beiden Kronleuchter wurden jetzt, nach vollendeter Renovation der Kirche von Ihrer Königl. Hoheit der Großherzogin-Mutter Marie, geb. Prinzessin von Hessen-Cassel geschenkt.

Außer den bereits genannten und mehr in die Augen fallenden Gedenktafeln sind noch manche derselben zum Andenken an Männer, die sich um die Domkirche verdient gemacht, aufgestellt. Darunter befinden sich Mitglieder der Familien v. Bülow, v. Dalldorf (ausgestorben), v. Stralendorf, v. Lepel, v. Parkentin (ausgestorben), v. Schack (von denen Ludolph 1598 ein Legat zur Unterstützung Studirender stiftete), v. Dannenberg, v. Fabrice, v. Laffert etc. - Ferner Heinrich Neumann, der mit vielem Geschick die Verhältnisse nach der Säkularisation in die neuen meck-

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lenburgischen Bahnen unter Adolph Friedrich I. und Christian Ludwig überleitete. HERZOG CHRISTIAN Ludwig, obgleich katholisch, gab trotzdem sein Bild in die protestantische Kirche; es hängt über der Thür zum ehemaligen Refectorium. Ein Brustbild von ihm aus Marmor in Medallon [sic!] ist dem nordwestlichen Eckpfeiler der Kreuzvierung eingefügt und wird irrtümlich vielfach für das Bild Heinrich des Löwen gehalten, da es an der rechten Schulter einen Löwenkopf zeigt.

Auch vom Superintendenten Petraeus, der 44 Jahre lang in seiner Amtsführung für das Wohl des Bisthums unermüdlich bestrebt war, ein Legat zum Besten der Prediger, derer Wittwen und der Schullehrer stiftete, und 1641 starb, ist eine Gedenktafel vorhanden, jetzt restaurirt und im südlichen Kreuzarm an der Ostwand aufgestellt.

Wie schon früher angedeutet, ist bei der Erhöhung des unteren Chores der Raum neben dem Grabmal des Herzogs Johann von Sachsen-Lauenburg und seiner Gemahlin zu Gruftgewölben ausgebaut worden. zu denselben führen zwei Eingänge, einer von der Südseite, der andere von der Westseite. Zwischen beiden liegt das zuerstgenannte Grab des Herzogs Johann, und es scheint, als wenn von dem Gewölbe, mit dem Eingänge von Süden, ein schmaler Eingang von letzterem zu ersterem bestanden hat; jetzt ist derselbe aber vermauert; wann dies geschehen, ist nicht anzugeben. In dem nach Osten gelegenen, sich von Süden nach Norden unter dem Chor hinziehenden Grabgewölbe - mit der Schrift über der Eingangsthür: V. G. G. A. H. Z. S. E. U. W. renovatum. Ao. 1692. Renovatum Ao. 1762. V. G. G. SH. H. Z. S. E. U. W. darunter das Wappen mit der Jahreszahl 1636, und 9 m lang und 2/7 m breit, - stehen 4 Särge mit fürstlichen Leichen. Von Norden anfangend:

1.   Catharina, Herzogin zu S. E. und W., geb. Gräfin zu Oldenburg und Delmenhorst, geb. 20. September 1582 29. Februar 1644.
     
2.   Johann Adolph, Herzog zu Sachsen, geb. 22. Octbr. 1626 23. April 1646.

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3.   Augustus, reg. Herzog von Sachten, geb. 17. Febr. 1577 18. Januar 1656.
     
4.   Elisabeth Sophie, Herzogin zu Sachsen etc., geborene Herzogin von Schleswig-Holstein, geb. 12. October 1599, 25. November 1627.

Außerdem steht an der nördlichen Mauerseite hinter den Särgen noch ein hölzerner Kasten, worin 8 bis 10 Schädel und mehrere Gebeine von ehemals hier beigesetzten Leichen zusammengelegt sind. Bei der Anlegung dieser Gruftgewölbe mußte auch der Boden um circa 3 Fuß vertieft werden, um eine genügende Höhe unter den Gewölbe-Kappen zu gewinnen, und wahrscheinlich sind diese Gebeine, vielleicht von längst verstorbenen Bischöfen herrührend, hierbei bloßgelegt worden.

Von der Westseite her tritt man in ein ähnliches Grabgewölbe, 3,5 m lang und breit, in welchem acht zinnerne Särge, fünf große und drei kleine, aufgestellt sind. Von Norden anfangend, ist

1.   ein großer gänzlich zerfallener Sarg ohne Deckel, über welchem
2.   ein ebenfalls sehr verwitterter steht, mit der Inschrift: V. G. G. S. G. Z. S. D. U. M.   H. Z. S. E. U. W. W. - Herzogin Sibilla, Gemahlin Franz I., 1592;
3.   ein großer sauber verzierter Sarg mit schöner Inschrift: Philipp, Sohn Franz II, geb. 17. August 1578, 18. April 1605;
4.   ein Sarg mit Prinzeß Sophie Margarethe, Tochter Herzog August's, geb. 6. August 1622, 6. März 1637;
5.   ein langer Sarg mit erhabenem Deckel und Inschrift; Maria, Tochter Franz II., Canonissin zu Gandersheim, geb. 18. Februar 1576, 13. März 1625;
6.   ein kleiner, 0,9 m langer Sarg, mit erhabenem Deckel und der Inschrift: Franz August, Sohn Herzog August's, geb. 14. Juli 1623, 19. April 1624;
7.   ein desgleichen mit Philipp Friedrich, des vorigen Bruder, geb. 11. November 1627, 16. November 1627.
8.   in ganz kleiner zinnener Sarg von 0,75 m Länge, ohne Verzierung und Inschrift.

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Die schon erwähnte Lauenburgische Capelle auf der Südseite der Kirche hat später eine Empore eingebaut erhalten, und ist mit einer reich verzierten Brüstung im Renaissanzstil [sic!] geschmückt worden. Sie enthält in der Mitte eine kleine Tafel mit I. H. S., links 3 fürstliche Wappen und rechts 3 Tafeln mit folgenden Inschriften:

a.   E. SH. Mein Hoffnung zu Gott allein!
b.   AH. Dis ist der Herzogin zu Sachsen uralter fürstlicher Standt, so den 4.  Juni anno 1637 new gebaut.
c.   AC. Dura pati virtus. Gottes Hand mein Beistant!
     
    An den Füllungen stehen verschiedene Namenszüge:
 
ES. A. C. IA. AE. SH.
           
(Elisabeth
Sophie.)
(August.) (Catharina
v. Oldenburg.)
(Johann
Adolph.)
(Anna
Elisabeth.)
(Sibilla
Hedwig.)

Im Innern dieser Empore ist ein Schild angebracht, der das Wappen des Herzogs Bernhard von Sachsen-Lauenburg enthält, und in heraldischer Beziehung deshalb merkwürdig ist, weil das 2. Feld dieses Wappens die Kurschwerter zeigt, deren Führung den Herzögen durch kaiserlichen Befehl untersagt wurde. Die zu diesem Schilde gehörige Gedächtnißtafel führt die Inschrift:

Na Xti bort mcccc Im lxIII Jar des Sonavet vor sut marien magdalene starf de Irluclitige hochgeborne forste un her her bernd hertog to sassen engern und westvale des hilge Romische Richs Ertzmarschal un Korforst de got gnedic sy; un was des irluchtige hochgeborne forste un hern her Johan hertogen to sassen vader.


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Einige Maaßangaben.
 

1.   Länge des Hauptschiffes, ohne die Mauern   60,57 Meter.
2.   Länge des Hauptschiffes, mit den Mauern
zugleich ganze Länge der Kirche.
  64,44 Meter.
3.   Länge des Hauptschiffes bis zum Querschiff   37,17 Meter.
4.   Breite desselben   8,28 Meter.
5.   Breite des Querschiffes   8,28 Meter.
6.   Länge desselben, mit den Mauern   31,73 Meter.
7.   Breite der Seitenschiffe   4,28 Meter.
8.   Ganze Breite der Kirche, mit den Capellen, einschließlich der Mauern   29,43 Meter.
9.   Breite der Kirche nach Entfernung der Capellen   22,57 Meter.
10.   Größte Höhe des Haupt-Schiffes   17,29 Meter.
11.   Größte Höhe der Seitenschiffe   8,28 Meter.
12.   Ganze Höhe der Kirche,
vom Fußboden bis zur Dachfirst
  26,- Meter.
13.   Höhe des Hauptschiffes
bis zu Anfang des Hauptgesimses
  15,16 Meter.
14.   Höhe des Cruzifixes innerhalb der Kirche   5,71 Meter.

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Rickmann, Domkirche, unpaginiert



Abbildung:
Abschließende
Schmuckseite


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